Klartext von Nicole Harreisser

Jung und frisch muss der Wein sein

Text: Nicole Harreisser

Kaum steht der Frühling vor der Tür mit ersten warmen Sonnenstrahlen, lockt es uns zum Apéro nach draussen. Und dann muss er ins Glas: der neue Jahrgang, jung und frisch gleichermassen. Sehnsüchtig erwartet, wird sofort die erste Flasche in den Kühlschrank gestellt, um für den nächsten lauen Abend bereit zu sein.

Er ist da – der Frühling – und kaum strecken die ersten Krokusse ihre zarten Blütenblätter der Sonne entgegen, regt sich auch der Weintrinker. Der neue Jahrgang muss her. Als wäre von einem Moment zum anderen der Vorjahresjahrgang nicht mehr gut. Ja, wir sprechen gerade von Weisswein. Bei Rotweinen sieht es ganz anders aus, der neue Jahrgang ist «en primeur» zu kaufen, man kann also den Jahrgang bei speziellen Verkostungen probieren mit dem Gedanken, sich auszumalen, wie er in zwei Jahren sein wird, wenn er nach erfolgter Bestellung ausgeliefert wird. Und selbst dann ist die Motivation, eine Flasche zu öffnen, gering, denn Rotwein muss reifen und wird erst einmal im wohltemperierten Keller oder Klimaschrank gelagert. Jahre vergehen, bis man die erste Flasche ergreift und sich dem Genuss bei einem feinen Essen widmet. Nicht nur die grossen Rotweine, nein, auch die zugänglicheren, weil trinkfähigen Basisweine lässt man ein wenig liegen. Aber Weisswein? Warum sollte man da warten? Im Heurigen wird der neue Jahrgang bereits im November sehnsüchtig erwartet und getrunken. Kurz vor Jahresende kommen die ersten neuen Weine aus südlichen Gefilden in den Verkauf. Ab Ende März finden sich dann schon die ersten Basis- und Gutsweine aus den CHAD-Land im Handel, begleitet von vielen jährlichen Frühlingsdegustationen oder mittlerweile als Probierpaket in Miniaturflaschen für die Online-Verkostung. Spannend ist es, diese jungen, oft noch ungestümen, weil gerade erst gefüllten Weine zu probieren. Aber man sollte nicht vergessen, diese mit Weitblick zu probieren. Die noch kantigen, etwas säurespitzen Weissen werden mit der Zeit in der Flasche zur Ruhe kommen, mehr an Balance gewinnen und zulegen. Ein frischer, jugendlicher Müller-Thurgau oder Riesling-Silvaner wie bei unserem Profipanel – herrlich. Doch bei dieser Verkostung erlebten wir auch Überraschungen. Denn auch ein junger, nicht für die Lagerung gemachter Wein kann nach ein, zwei Jahren noch überraschen. Befreit von jugendlichem Ungestüm.

Und dann gibt es Winzer, die mit ihrem Winzerbrief den neuen Jahrgang ankündigen und uns zunächst stutzen lassen: Der neue Jahrgang ist auf den ersten Blick mehrere Jahre alt. Ist das ein Tippfehler, oder ist die falsche Flasche abgebildet? Mitnichten, eine zunehmende Gruppe an Winzern bringt Weine mit «neuer» Philosophie auf den Markt: Sie geben den Weinen die Zeit, die sie brauchen und auch verdienen. Kein frühes Füllen, dafür jahrelange Begleitung des Weines im Fass mit mannigfacher Verkostung.

Es lockt die Jugend

Ein früh auf den Markt gebrachter Wein hat nicht nur sensorisches, sondern auch monetäres Potenzial, der Winzer erntet auch schon früh im Jahr den Lohn seiner Arbeit. In den tiefen Kellern und Lagerhallen schlummern flaschen- und kistenweise grosse Werte, die nicht für Cashflow sorgen, aber ein Investment für die Zukunft sind. Die Nachfrage nach gereiften Weissweinen nimmt zu. Wer einmal einen gereiften weissen Cru versucht und wertschätzen gelernt hat, greift bei entsprechendem Angebot gerne wieder zu. Es braucht Aufklärung seitens der Winzer, denn das Potenzial einer Fassprobe zu erkennen und wertzuschätzen, geht nicht von heute auf morgen. Es ist auch zu unterscheiden, ob der Wein in der Flasche für viele Jahre reift, oder ob er seine Reifung im Fass vollendet. Ein zunächst vermeintlich schwacher Jahrgang kann sich dabei entwickeln und zur positiven Überraschung heranreifen. Fast so wie ein schlechter Schüler, der im späteren Berufsleben in seinem Traumjob seine Erfüllung findet und alle überrascht.

Natürlich wird nicht jeder einfache Weisswein mit Lagerung besser, aber verteufeln sollte man den «alten» Vorjahresjahrgang nicht generell. Und wenn dann doch mal eine Flasche zu lange in Vergessenheit geraten ist, dann taugt der Wein immer noch für den Kochtopf, veredelt ein Risotto mit Spargel und Kräutern oder Moules Marinières. Nichts gegen «Easy Drinking»: Junge, knackige Weissweine machen Spass, verbreiten Trinkfreude bei animierendem Trinkfluss und stehen für ein neues Weinjahr, das wir mit einem Lächeln auf der Terrasse oder dem Balkon begrüssen. Aber spätestens zum Hauptgang, beispielsweise einem Kalbsragout, schlägt die Stunde für einen edel ausgereiften weissen Cru mit Komplexität und Schmelz.

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