Aufbruch am Kaiserstuhl

Was geht, Baden?

Text: Sigi Hiss, Harald Scholl, Fotos: David Weimann

Baden, im Süden Deutschlands, von der Sonne verwöhnt. Der Leitspruch mit dem berühmten Sonnenmännchen ist scheinbar mit ewigem Leben gesegnet. Und das in Zeiten des Klimawandels! Doch was gibt es Neues und Aufregendes? Wie wirkt sich der Generationenwechsel positiv für Baden aus? Bekommen die alten Krusten erste Risse oder sind sie schon längst aufgebrochen? Ja, ja und ja. Unmengen an Gesprächsstoff also.

Von aussen betrachtet wirkt das Badener Land als Weinregion vielleicht noch immer ein wenig verschlafen und nicht auf der Höhe der Zeit. Gegensätzliche Kräfte wirken in der Region und verstärken diesen Eindruck. Da sind einerseits die starken genossenschaftlichen Strukturen, die als mächtige Tanker die badische Weinwelt prägen und in deren Windschatten es die kleineren Boote nicht leicht haben. Andererseits steht der VDP Baden für einen hohen qualitativen Anspruch, leidet aber gleichzeitig an seiner schlechten Öffentlichkeitsarbeit und ist daher eigentlich nur Weinexperten ein Begriff. 

Von diesen strukturellen Schwächen sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Auch im scheinbar verschlafenen Baden fallen Ideen und Trends auf fruchtbaren Boden und bringen für die Region fast schon revolutionäre Entwicklungen hervor. Beispielsweise das Bestreben, die Grenzen der badischen Haus- und Hofrebe Gutedel neu auszuloten, ihr mit innovativen Ausbaumethoden mehr Seriosität zu verschaffen und dabei ihren ureigenen Charakter nicht zu übertünchen. Auch das Thema Naturweine ist längst in Baden angekommen, auch wenn man das vom Bauchgefühl nicht erwarten würde. Sei es als kompromissloser Stil oder als inspirierende Komponente beim klassischen Weinmachen. Und selbst in Baden hat man verstanden, dass man als Einheit mehr Schlagkraft hat und mehr erreichen kann. Die «Generation Pinot», eine bunt gemischte Gruppe junger Winzer vom Gross- bis hin zum Garagenwinzer, zeigt dieses neue Gesicht Badens ebenso wie die «13 Breisgauer Weingüter» mit ihrer Botschaft von der Vielfalt des Breisgaus.
Stilistisch bewegen sich nicht nur die bekannten Häuser hin zu mehr Frische und weniger Konzentration in den Weinen. Vor allem kleinere Betriebe, die noch nicht im Fokus stehen, wählen frühere Termine für die Traubenernte und experimentieren mit der Zugabe von Rappen während der Gärung, um Frische, Straffheit, Mineralität und Trinkigkeit statt überkonzentrierte Frucht und alkoholische Wucht zu erreichen.

Auch der Badisch Rotgold hat in jüngster Zeit etwas mehr an Beachtung gewonnen und könnte zu einem neuen Trend werden. Dieser ungewöhnliche Verschnitt aus Grau- und Spätburgundertrauben kann als urbadischer Wein nur von dem Qualitätsanspruch der jungen Winzergeneration profitieren. 

Eine Bereicherung könnte Baden auch durch die zunehmende Zahl kleinerer Betriebe erfahren, die sich als langjährige Traubenlieferanten von den Winzergenossenschaften abnabeln und eigene Weine keltern. Noch ist es nur eine kleine Zahl von meist jungen Winzern, die den bevorstehenden Generationenwechsel im Weingut zu einem Neuanfang nutzen und mit neuen Ansätzen, Vorstellungen und Stilbildern den badischen Weinbau auf ungeahnte Weise bereichern. 

Staffelholz und Übergabe

Stichwort Generationenwechsel. Man sieht es selbst bei den weltbesten Leichtathletik-Staffeln – die Übergabe des Staffelholzes funktioniert selten reibungslos. Der eine rennt schon los, da ist der andere noch weit entfernt. In Weingütern mit anstehendem Generationenwechsel kennt man dieses Phänomen. Die junge Generation voller Ideen aus Studium und Auslandsaufenthalt, vor Tatendrang und neuen Ideen strotzend, will das neu Erlernte sofort im heimischen Betrieb umsetzen, die Alten sind da gedanklich oft noch nicht am gleichen Punkt angekommen. Wie die Übergabe gelingen kann, erzählen Julian Huber vom Weingut Huber in Malterdingen und Konrad Salwey vom Weingut Salwey in Oberrotweil. Friedrich Keller, ebenfalls einer der Jungen mit dem Stab in der Hand, wird im Interview seine ganz persönliche Sicht zu dem aktuellen und zukünftigen Baden preisgeben. 

Rieslinge des Südens

Zu guter Letzt geht es um Riesling, hier auch als Klingelberger unterwegs. Baden gilt als Festung des Burgunders und des Gutedels, nicht nur am Kaiserstuhl und im Markgräflerland. Dass auch herausragende Rieslinge hier gelingen, wird dabei übersehen, denn die Gewächse aus der Ortenau erfahren selten die Wertschätzung, die sie eigentlich verdienen.


Familiensache 2.0

Rainer Schlumberger, Sulzburg-Laufen

«Gutedel passt in die Zeit, immer mehr Weintrinker drehen beim Kauf die Flasche erstmal, um nach dem Alkohol zu sehen», sagt Josefine Schlumberger. Die junge Frau muss es wissen, sie hat sich schon im Studium und als einstige Deutsche Weinkönigin mit dem Verhalten des Konsumenten beschäftigt. Nicht zuletzt durch ihren Einfluss hat Vater Rainer schon vor geraumer Zeit damit begonnen, den Gutedel – der immer- hin ein Drittel der Produktion ausmacht – etwas anders zu interpretieren. Moderner – oder altmodischer, je nach Blickweise. Jedenfalls sind längeres Hefelager und auch die Füllung mit Feinhefe mittlerweile Standard im Betrieb. Methoden, die es beim Gutedel vor hundert Jahren schon gegeben hat. Das Ergebnis kann man schmecken, auch den Kunden scheint es zu gefallen. Immerhin 80 Prozent der Produktion werden direkt ab Hof verkauft, da stellt man sehr schnell fest, ob der neue Stil ankommt oder nicht.

Gutedel: Top Five! 

Ziereisen

Gutedel Jaspis 10hoch4 Landwein 2016

19.5 Punkte 2023 bis 2050

In Verkostungen erreichte der Wein hundert Punkte – ein unerhörter Vorgang für einen Gutedel! Zu Recht: hohe Dichte, Mischung aus Konzentration, Kraft, Feinheit und Länge. Schlank wie eine Gerte, druckvoll wie Liverpool unter Klopp.

www.weingut-ziereisen.de

Blankenhorn

Gutedel Courage 2016

17.5 Punkte 2020 bis 2035

In der Nase schon Kom-plexität und Grösse: Honig, Wachs, Orangenschale. Etwas Maischestandzeit hilft, der Wein ist griffig am Gaumen, dabei cremig vom langen Hefelager. Ein Blick in die Zukunft der Rebsor-te und des Weinguts.

www.weingut-blankenhorn.de

Rainer Schlumberger

Gutedel Chasselas trocken 2018

16 Punkte 2020 bis 2030

Nach Schweizer Vorbild im kleinen Holzfass ausgebaut, bleibt lange auf der Hefe liegen. Duftet im Moment noch ganz leicht nach Vanille, einer Spur Safran und frischen Gartenkräutern. Ein leiser Wein mit versteckten Qualitäten.

www.weingut-schlumberger.de

Schlumberger-Bernhart

Gutedel Kabinett trocken 2018

16 Punkte 2020 bis 2024

Feiner, leichter und charmanter kann Gutedel kaum ausfallen als bei diesem Kabinett. Am Gaumen erfrischend und zart salzig 
zugleich. Das altmodische Wort «Reintönigkeit» kommt einem schnell in den Sinn.

www.schlumbergerwein.de

Zähringer

Gutedel trocken 2018 (1,0 l)

15 Punkte | 2020 bis 2021

Ein leichter Gutedel voll saftiger Frische und zarter Mineralität. Das hat Stil, Charakter und macht zur Not auch in der Schorle eine sehr gute Figur. Wirklich trocken und mit ganz zarter Fruchtnote – ein Wein, wie geschaffen für den Genuss auf der Terrasse.

www.weingut-zaehringer.de


Alles auf Anfang

Weingut Blankenhorn, Schliengen

Es dürfte im Moment Deutschlands grösste Weinbaustelle sein: Mitten in Schliengen wird das Weingut Blankenhorn komplett umgebaut und erweitert. Martin Männer hat das Weingut 2014 übernommen, zusammen mit seiner Partnerin Yvonne Kessler und Kellermeister Markus Weickert wurde der Umbau angegangen. Der Fokus im Betrieb liegt auf Gutedel als Lagenwein, der aber wegen der Mitgliedschaft im VDP nicht Lagenwein sein darf – Gutedel ist laut Statuten nicht zugelassen als GG-Rebsorte. Das könnte sich eines Tages ändern, die Gutedel Clocher und Courage zeigen schon heute ganz klar die Richtung. Und um ganz sicherzugehen, sollen demnächst in der GG-Lage Sonnenstück ausgewählte Schweizer Chasselas-Klone gepflanzt werden.


Guter edler Magier

Hanspeter Ziereisen, Efringen-Kirchen

Alles, wirklich alles macht er anders. Fährt im 1948er VW Käfer zum Abendessen, kauft Traktoren, Pressen und Fässer nur gebraucht, um sie vor dem Einsatz restaurieren zu können. Und er hat damit Erfolg. Über 50 Prozent seiner Weine exportiert er, in Australien sind seine mineralisch-feinnervigen Weine angesagt wie wenige ande- re, in Frankreich kennt und schätzt man ihn. Und der Gutedel-Magier ist noch lange nicht fertig, der (bisher) beste Gutedel aller Zeiten nicht das Ende. Der Jaspis 10hoch4 war ein Etappensieg, Hanspeter Ziereisen will im nächsten Jahr wieder anpflanzen, Stockdichte 14 000 Rebstöcke pro Hektar, Einzelpfahlerziehung. Das wird dann quasi der «14hoch10». Die Klone dafür stammen aus einem Weinberg an der Rhône, genauer aus Saint-Joseph. Der Kultwinzer Pierre Gonon hat tatsächlich Gutedel mit Pflanzdatum 1870/71 in seinen Weinbergen, daraus wurden Reiser gezogen, die im nächsten Jahr gesetzt werden. Mal sehen, was die Weinwelt dazu sagt.


Mit Leidenschaft Riesling

Sven Nieger, Baden-Baden

Winzer wie Sven Nieger bekommen regelmässig das Angebot, bestehende Rebflächen zu übernehmen. «Wenn ich wollte, könnte ich ein 30-Hektar-Weingut haben», so Nieger. Will er aber nicht, mit seinen aktuell 15 Hektar ist er gut ausgelastet. Als er vor einigen Jahren nach Stationen im Ausland in die Heimat zurückkam, war die Situation noch ein wenig rosiger. Im Baden-Badener Rebland gab es einmal sieben Genossenschaften, heute ist es nur noch eine. Auch der Verbleib in einer Genossenschaft ist heute keine Garantie mehr für wirtschaftliches Überleben. Nieger ist wirklich ein Riesling-Winzer, 70 Prozent seiner Rebflächen sind mit der deutschen Leitrebsorte bepflanzt. Aber er macht seine Weine etwas anders als die Nachbarn, er setzt auf arbeitsintensive Steillagen, sucht kühle Parzellen. Das bedeutet natürlich mehr Arbeit, mehr Erlös dagegen nicht. Das Image des Ortenau-Riesling ist ziemlich am Boden, die Weine sind nicht wirklich gefragt. Dabei zeigen Niegers Weine sinnbildhaft, was möglich ist. Mineralisch straffe Rieslinge mit dezenter, aber reifer Frucht, eigenständig und doch nicht verkopft. 

Riesling, what else? Die Ortenau.

Es war über Jahrhunderte ein Gleich- satz: Ortenau und Riesling. Dabei ist die Ortenau aus heutiger Sicht nicht per se ein Eldorado für Riesling, schliesslich ist dieser eine Cool-Climate-Rebsorte – da scheint es fast wie ein Widerspruch, dass lange Jahre mit dem Slogan «Von der Sonne verwöhnt» geworben wurde. Aber die skelettreichen Böden der Ortenau in Verbindung mit den kühlen Winden aus dem Schwarzwald machen es möglich, dass der Riesling sich hier so wohlfühlt. Schwieriger ist, dass der Riesling-Stil der Region ein wenig überholt ist, das typische Zuckerschwänzchen mag zwar charakteristisch sein – angesagt ist es nicht. Auch deshalb verschwindet der Riesling langsam in der Ortenau. Vor allem in den zweitklassigen Lagen weicht er Grauburgunder oder Sauvignon Blanc, die in ihren Ansprüchen an die Lage etwas einfacher sind. Wenn der Riesling aus der Ortenau im Konzert der grossen Weine Deutschlands mitspielen soll, braucht er erstklas-sige Lagen und moderne Vinifikation. Das Potenzial dazu hat die Ortenau.


Wieder auf dem richtigen Weg 

Nägelsförst, Baden-Baden

Einen Bruder im Geiste hat Nieger in Steffen Röll gefunden. Er hat sich die Herkulesaufgabe vorgenommen, das alte und renommierte Weingut Nägelsförst wieder nach vorne zu bringen. Bis in die 90er Jahre war es sogar ein VDP-Betrieb, dann schrumpfte die Produktion des 30 Hektar grossen Anwesens sukzessive auf 40 000 Flaschen pro Jahr – und selbst die waren nicht leicht zu verkaufen. Mittlerweile ist man wieder bei 200 000 Flaschen an- gelangt, die besten Weine wie der Steilflug aus dem Klosterbergfelsen überzeugen durch zarte Zitrusaromatik und würzige Komplexität. Der erste Schritt nach vorne ist getan. Aber das kann es aus Rölls Sicht natürlich nicht sein. Die Bestockung der Flächen wird sehr genau analysiert und Rebsorten werden aus unpassenden Flächen ausgerissen, die Leitsorte Riesling wird in den besten Lagen – Mauerberg und Klosterbergfelsen – konzentriert. Auch im Keller weht ein frischer Wind, die Weine werden im Holzfass ausgebaut und bleiben lange auf der Hefe liegen, sind also auf Reife ausgelegt. In Summe kein einfacher Weg, die aktuellen Rieslinge zeigen aber deutlich, wie richtig er ist. 


Klingelberger-Benchmark

Andreas Laible, Durbach

Der bekannteste Riesling-Ort Badens dürfte Durbach sein, die Geschichte des Klingelbergers hat den Ort geprägt. Untrennbar mit dieser Geschichte verbunden ist die Familie Laible, ohne Laible ist Riesling in Durbach seit Jahrzehnten nicht denkbar. Die Tradition wird fortgesetzt, seit Sohn Andreas verantwortlich ist. Und wenn der Sohn wie der Vater heisst, ist es nicht überraschend, dass sich auch die Arbeitsweisen und Stilistiken ähneln. Die Rieslinge des Durbacher Betriebs waren und sind die Benchmark für Klingelberger Riesling. Vor allem die Weine aus dem Filetstück des Plauelrain, Am Bühl genannt, überzeugen durch Tiefe, Komplexität und grosse Trinkfreude. Die sich sogar noch steigert, wenn man auf die Preise schaut. Eigenständigere und günstigere Rieslinge «Grosses Gewächs» dürften schwerlich zu finden sein. Gerade in Kombination mit anspruchsvoller Küche können sowohl das GG Plauelrain Am Bühl wie auch der Achat ihre Klasse ausspielen. Die Kollegen vom VINUM-Wineguide sehen hier gar die besten Rieslinge ganz Badens.

Die Klingenberger Böden

Die Ortenau beginnt südlich von Baden-Baden, zieht sich entlang des Schwarzwaldes bis hinunter nach Gengenbach – immerhin 2700 Hektar Rebfläche. Der Boden besteht vor allem aus schwach sauren Skelettböden mit geringen Lössanteilen. Eine Besonderheit sind die kühlen Winde, die vor allem am Abend aus dem Schwarzwald in die Rheinebene strömen und die Tageshitze aus den Rebanlagen wegblasen. Die besten Lagen: der Klosterbergfelsen und der Mauerberg bei Baden- Baden sowie der Durbacher Plauelrain. Und der Klingelberg. Er bildet den obersten Teil des Schlossberges direkt bei Schloss Staufenberg in Durbach, heute 2,5 Hektar in Steillage. Im Weingesetz von 1971 wurde der Klingelberg nicht als Einzellage ausgewiesen – ein Fehler, wie sich heute zeigt. Er wird seit 1782 ausschliesslich mit Riesling bestockt und ist damit der älteste reinsortige Rieslingweinberg Badens. Auch deshalb wurde Riesling in der Gegend immer auch «Klingelberger» genannt, eine eigene Rebsorte oder ein bestimmter Riesling-Klon ist sie entgegen landläufiger Meinung nicht.


Die Kartierung des Möglichen

Alexander Laible, Durbach

Dem väterlichen Einfluss entzogen hat sich Alexander Laible, der im selben Ort sein eigenes Weingut gegründet hat. Auch er setzt auf Riesling, weiss aber auch mit den Burgunder-Sorten zu überzeugen. Er versucht sich am Einstieg in die Biodynamie, vergärt seine Weine überwiegend spontan. Daraus entsteht ein völlig anderer Stil als der im elterlichen Betrieb, die Weine wirken internationaler, falls es den Begriff im Zusammenhang mit Riesling überhaupt gibt. So oder so – in Kombination zeigen beide Laibles, was in Sachen Riesling in der südlichen Ortenau möglich ist. Und wie die Zukunft dieser etwas ins Hintertreffen geratenen Region aussehen könnte.


Die Sprache des Rebstocks

Weingut Klaus Vorgrimmler, Munzingen

Während der Kaiserstuhl nahezu jedem ein Begriff ist, kennen viele den in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Tuniberg kaum. Am Südende des Kalkstein-Plateaus stehen die Reben von Klaus und Maj Britt Vorgrimmler vom Weingut Vorgrimmler. Vor über 30 Jahren haben sie auf ökologischen Weinbau umgestellt. Seit 2006 arbeiten sie nach den strengen Richtlinien des Demeter-Verbandes und wollen dem Rebstock wie dem Boden die ureigene Energie wieder zurückgeben. «Es ist ein ständiges Lernen, auch nach über 30 Jahren. Wir tun jetzt ganz gewiss weniger als in den Anfangsjahren. Das können wir aber nur, weil sich unsere Böden vital und kerngesund zeigen. Sie wurzeln sozusagen in ihrer eigenen Apotheke und sind mit dem Alter immer widerstandsfähiger geworden.» Nicht nur deshalb kommen von hier seit fast 30 Jahren die vielleicht ungeschminktesten Weine Badens. Klaus und Maj Britt Vorgrimmler fokussieren sich noch intensiver auf das Wesentliche, als sie es so schon taten: die Weiterentwicklung ihrer Weine. Auf knapp über drei Hektar kleinster Parzellen wachsen ausschliesslich Burgundersorten: Spät-, Weiss-, Grauburgunder und Chardonnay. Im Keller greifen Klaus und Maj Britt Vorgrimmler nur minimal ein. Auf die Frage, was die Quintessenz ihres bisherigen Weinmachens ist, antworten sie: «Mit den Erfahrungen der Jahrzehnte und dem Beobachten der Natur die Sprache des Rebstocks zu verstehen.»


Zwei Schmiedehämmer

Weingut Forgeurac, St. Leon-Rot

Der Name Forgeurac klingt ungewöhnlich für ein Weingut in Baden – Uwe Lange und Marco Pfliehinger sind bekennende Fans des Burgunds. Eine alte Schmiede in St. Leon-Rot in der Ortenau dient ihnen als Weingut. Im Französischen heisst die Schmiede «La Forge» und so wurde aus der alten Schmiede das Weingut Forgeurac. Von aussen wirkt diese wie eine verstaubte Weinhandlung irgendwo in Frankreich. Im Gespräch landet man schnell beim wichtigsten Thema, ihren Lagen. Dort den richtigen Sorten auf den richtigen Unterlagsreben ihren Lauf zu lassen. Das Gros der rund drei Hektar liegt in der Ortenau, genauer in der Ortschaft Bühl und dem Bühlertal. «Wir sind ja erst seit 2015 als Weingut Forgeurac zusammen und lernen unsere Lagen gerade kennen. Jedes einzelne Gewann reagiert auf kleinste Veränderungen.» Naturwein heisst für beide eben auch, die Natur ihrer Lagen zu kennen, und das geht nicht im Keller. Der Boden soll in ihren Weinen schmeckbar sein. Das geht vom Kalk mit Eisen über verwitterten Granit hin zu Mergel mit Kalk. In der Tat ist es beeindruckend, wie die Weine diese Gratwanderung zwischen puristischem Weinmachen und hoher Qualität meistern. Stilis- tisch sind sie von den besten badischen Spätburgundern meilenweit entfernt. Was die Klasse angeht, ihnen aber schon recht nahe.

Ungeschminkte Schönheiten mit Stil und Charakter

Weingut Forgeurac, St. Leon-Rot

Steinsatz Spätburgunder Badischer Landwein 2016

18.5 Punkte | 2023 bis 2036

Der Weinname ist hier Programm, sehr mineralische und dezent rotfruchtige Nase. Ein bisschen was von hellem, kalkreichem Boden und einer kühlen Frische. Walnussschalen, etwas Eichenwürze und Rote Beete. Mit brillanter Säure, straff und gradlinig. Beeindruckender Spätburgunder mit Potenzial! 

www.forgeurac.com

Weingut Vorgrimmler, Munzingen

Spätburgunder Rotwein Badischer Landwein 2015

18 Punkte | 2020 bis 2033

Verhaltene Kirschkerne, grüne Kräuter, feine Mandelnote und erdige Anklänge. Finesse und Komplexität, für mehr Tiefe braucht er eine Karaffe. Herrlich ziselierter Gaumen mit präsenter, eleganter Säure und einem leicht körnigen, schleifpapierähnlichen Tannin. Netzartiger Grip, unprätentiös und in sich ruhend.

www.vorgrimmler.de

Weingut Vorgrimmler, Munzingen

Chardonnay Badischer Landwein 2018

18.5 Punkte | 2022 bis 2035

Gärte nicht weiter, etwas Restsüsse also. Viel Erdiges, Kalkboden und helles Gemüse. Schlanke wie rassige Nase. Der Gaumen mit feinem Schmelz und Kraft, beides bestens verwoben. Noch etwas unnahbar. Fest und kompakt mit einem grandiosen Touch von Florhefe (Fino Sherry). Benötigt Zeit und hat grösste Individualität.

www.vorgrimmler.de


Zeitloser Weinmacher 

Konrad Salwey, Oberrotweil

Einem Neuanfang gehen mitunter schwerwiegende Zäsuren voran, so auch bei Konrad Salwey, der seit 2011 das Weingut Salwey in Oberrotweil leitet. Von heute auf morgen, nach dem tödlichen Unfall seines Vaters Wolf-Dietrich, war er Weingutsleiter. Ihm war klar, es wird weitergehen und er muss funktionieren. Doch es kam noch dicker, denn Ab-stufungen der wichtigen Weinführer liessen nicht lang auf sich warten. «Das war ein harter Schlag, mein Konter war, dort nichts mehr anzu- stellen.» Es war sein ganz persönlicher, beruflicher Neuanfang. Ohne den wären seine Weine heute nicht da, wo sie sind, gibt er offen zu. Was seinen eigenen Stil betrifft, so ist der immer im Wandel. Lachend sagt er: «Im Grübeln, was man noch anders machen könnte, war ich schon immer gut.» Hier schliesst sich dann auch der Kreis zum Vater. «Als junger Mann auf dem Zenit der Kraft und Selbstüberschätzung weiss man alles besser», meint Salwey. Vieles lehnte er ab, inzwischen fliessen nicht wenige Ideen seines Vaters in die heutige Vinifizierung mit ein. Noch mehr legt er den Fokus auf die Lagen, wenn er sagt: «Je deutlicher wir eine Lage sprechen lassen können, umso zeitloser sind wir als Weinmacher.» Seine Grossen Gewächse sind erstmal verschlossen und gleichen einem jugendlichen, noch lange nicht erwachsenen Schlaks. Mit der Zeit wandelt der sich zum Gentleman in feinstem englischem Zwirn.


Teamplayer mit Visionen 

Julian Huber, Malterdingen

24 Jahre jung war Julian Huber, als er die Verantwortung im elterlichen Weingut nach dem Tod seines Vaters übernehmen musste. Das war 2014, aber schon seit 2012 hatte Julian immer mehr Aufgaben übertragen bekommen. «Im Nachhinein betrachtet habe ich mir von 2012 bis 2014 eine gewisse Sicherheit für die Zukunft geholt.» Besonders die ohnehin schon enge Verbindung des Teams wurde noch einmal spürbar fester, betont er. Immerhin galt es, einen der besten deutschen Burgunder-Betriebe zu übernehmen. Als er auf den Sortenspiegel zu sprechen kommt, hält er für den Bruchteil einer Sekunde kurz inne – «Mein Traum ist es, nur noch mit Chardonnay und Spätburgunder zu arbeiten.» Dieser Weg ist der Brückenschlag von der Vergangenheit in die Zukunft. Denn auch für Bernhard Huber stand alles nicht Burgundische auf der Streichliste. Sein eigener Weg ist vor allem eins: schmeckbar. Mehr Frische durch eine präsentere Säure, dadurch auch straffer, weniger Holz und mehr Zug am Gaumen. Beim Chardonnay hatte er einen klar gezeichneten Plan im Kopf, mehr Zeit nahm der Spätburgunder in Anspruch. «Das weiterzuführen, was meine Eltern geschaffen haben, war und ist für mich ein Privi-leg, das meine ich wirklich so.» Trefflicher kann man Hubers Nachfolger- Geschichte nicht auf den Punkt bringen!

Dreimal Klasse mit Nachfolger-Individualität

Die Weine der drei Nach folger sind schmeckbar anders als die ihrer Väter, die Qualität bei keinem der drei Weinmacher auch nur einen Hauch abgefallen. Stilistisch und qualitativ ist man für die Zukunft bestens aufgestellt.

Weingut Bernhard Huber, Malterdingen

Alte Reben Chardonnay 2017

18 Punkte | 2021 bis 2034

Kühles Schiefer- und Kalkgestein, ein Hauch knackiges Steinobst, rassige und mineralischer Nase und verhaltene Zedernholzwürze. Am Gaumen an Salzsteine erinnernd, mit einer grandiosen, leicht zitrischen Säurestruktur, kompakt mit dezentem Holzeinsatz. In sich ruhend und mit enormen Lagerpotenzial. Struktur, Potenzial und Klasse!!

www.weingut-huber.com

Weingut Salwey, Oberrotweil

Spätburgunder RS 2017

18 Punkte | 2020 bis 2033

Engmaschige rotschwarze Frucht, kalter Rauch und Feuersteinnoten, animierender Mix aus Frucht, mineralischen Noten und etwas muskatiger Würze. Kühl. Am Gaumen feinkörniges Tannin und dosierter Grip, Frische und kühle Frucht. Die Aromen der Nase plus etwas Nussiges. Eleganz mit ungemein trinkiger Art und fein verwobener Struktur. 

www.salwey.de

Weingut Franz Keller, Vogtsburg-Oberbergen

Grande Cuvée Chardonnay Brut Nature 2014

18 Punkte | 2020 bis 2030

Pure, ungemein kalkige Nase mit knackiger Birne, etwas Kamille, dezent-würziger Hefenote und auch etwas Menthol. Sehr feste Perlage, sehr puristische Stilistik und enorm kühle Frische, bone dry und zugleich mit animierender Trinkigkeit. Kom-promisslos. Fordernd und anspruchsvoll. Langer, sehr straffer Abgang.

www.franz-keller.de

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