Interview mit 
Frederik Paulsen

«Als Rentner muss man Wein anbauen»

Interview: Rudolf Knoll, Fotos: z.V.g., Weingut Waalem

  • Der Unternehmer scheut sich nicht, an Polarexpeditionen teilzunehmen.
  • Die namhafte Schlumberger-Sektkellerei gehört auch zum Genuss-Imperium

Er gehört zu den weitgehend geheimen Hintermännern in der Weinhandels- und Sektbranche in Deutschland und Österreich, investiert in der georgischen Weinszene und machte als Chef eines weltweit tätigen Pharmakonzerns Unternehmer-Karriere. Aber was Frederik Paulsen, 69, derzeit vermutlich am meisten Freude bereitet, ist es, Fans für seinen Wein von der Nordseeinsel Föhr zu finden…

Wenn man Ihren Namen bei Wikipedia aufruft, erscheint «Frederik Paulsen (Chemiker)». Ist das nicht etwas unpräzise. Wie würden Sie sich selbst betiteln? Kosmopolit?

Sie haben recht – aber das ist der Zeitgeist, und die Informationsfülle im Internet geht unter anderem auch auf Kosten von exakt recherchierter Information. Ich sehe mich als jemanden, der seine Ziele im Leben erreicht hat. Ich kann dankbar sein, denn mein wirtschaftlicher Erfolg hat mir alle Freiheiten ermöglicht, und meine Neugierde auf die 
Welt und ihre Zusammenhänge hat mich an die entlegensten Plätze geführt.

Ich bin vorrangig ein Rentner, der sich entschied, einen Teil seiner Zeit dem Wein zu widmen, getreu dem Motto der römischen Offiziere: «Man kann im Rentenalter in die Politik gehen oder Wein anbauen» – ich habe mich für Letzteres entschieden. 

Ihr Grossvater wuchs auf der Insel Föhr 
auf, die zu Schleswig-Holstein gehört, Sie selbst wuchsen in Schweden auf. Jetzt haben Sie einen Wohn- und Firmensitz in der Schweiz, sind aber als Winzer und Wohltäter auch wieder im deutschen Norden aktiv. Wo siedeln Sie Ihre eigentliche Heimat an?

Meine familiären Wurzeln sind auf Föhr. Durch äussere Umstände bin ich zum Schweden geworden, aber für Nordfriesland und Föhr schlägt mein Herz. So versuche ich mindestens einmal im Jahr für einen längeren Aufenthalt mit meiner Familie nach Föhr zu kommen und alles zu geniessen, was die Insel zu bieten hat. Ich fühle mich auch als Botschafter für die Insel und möchte vielen meiner Freunde ihre Schönheiten vermitteln. 

Es gibt erfolgreiche Winzer, die ursprünglich Chemie studierten und von diesen Kenntnissen später im Weinkeller profitieren, weil sie Zusammenhänge besser erkannten. War Chemie auch ein Anreiz für Sie, sich neben Ihrem Pharma-Unternehmen dem Wein zuzuwenden, sogar als Winzer auf der Insel Föhr?

Nicht meine berufliche Ausbildung war ausschlaggebend für mein Interesse am Weinbau, sondern meine persönliche Passion für Wein. In erster Linie bin ich Geniesser und da liegt es nicht ganz so fern, es mit dem Anbau zu versuchen. Das ist in entwickelten Gegenden vergleichsweise einfach – für die Kultivierung von Reben auf Föhr muss man ganz von vorne anfangen. Das hat mich an meinem nordischen Weinprojekt gereizt. Die Dänen bauen Wein an, warum sollte dies auf Föhr nicht gelingen? Es macht mir Freude, mich gegen den Strom zu engagieren und mir die Freiheit zu nehmen, scheinbar Unmögliches zu versuchen, damit zu reüssieren. Im Übrigen habe ich Spezialisten, die sich um die Sorten und den Ausbau bemühen – hier werden meine rudimentären chemischen Kenntnisse nicht benötigt.

«Für die Kultivierung von Reben auf Föhr muss man ganz von vorne anfangen. Das hat mich an meinem nordischen Weinprojekt gereizt. Die Dänen bauen Wein an, warum sollte dies auf Föhr nicht gelingen?»

Sie sind in Sachen Wein sehr unterschiedlich unterwegs. Fangen wir mit Schlumberger an. Sie haben über Ihre Sastre Holding mit Sitz in der Schweiz die Mehrheit beim Schlumberger-Konzern in Wien. Gehört auch die deutsche Schlumberger-Weinvertriebsfirma dazu?

Ja, die Sastre Holding hat hundert Prozent 
der Schlumberger-Aktien in Wien übernommen. Wir halten ebenfalls die Mehrheit an der deutschen Tochtergesellschaft. 

Erworben haben Sie die Aktien von der deutschen Unternehmerfamilie Underberg, die mal nach der politischen Wende grosse Pläne beim Wein hatte und am liebsten ganz Tokaj aufkaufen wollte, ehe die Ungarn einen Riegel vorschoben. Haben Sie spezielle Pläne mit Ihrem Engagement bei Schlumberger?

Selbstverständlich ist meine Vision, Schlumberger zu einem internationalen Qualitäten-Brand auszubauen – wir werden sehen, wo wir in drei Jahren stehen und was uns bis dahin gelungen ist. 

Mischen Sie sich ins Tagesgeschäft ein oder überlassen Sie das dem Vorstand und Management in Wien?

Mit Schlumberger halte ich es so, wie mit allen meinen Firmen – ich mische mich nicht in das Tagesgeschäft ein und bin immer gut damit gefahren. Ich behalte mir ausschliesslich vor, die grosse Linie vorzugeben und bei der Umsetzung ganz konkret nach den Ergebnissen zu fragen. 

Sie sind als vielseitiger Wohltäter bekannt, der eine Antarktis-Expedition mitfinanziert und ein Museum «Kunst der Westküste» auf Föhr stiftete. Kann man Ihr Engagement in Georgien auf Château Mukhrani auch unter Wohltat einordnen?

Mein Engagement in Georgien hat viel mit seiner Historie und meinen persönlichen Gefühlen für eines der alten europäischen Weinanbaugebiete zu tun. Aber es soll 
neben aller Sentimentalität auch ein Geschäft werden, welches wachsen muss. Insofern möchte ich es lieber unter «Geschäft» einordnen.

Sie sind als vielseitiger Wohltäter bekannt, der eine Antarktis-Expedition mitfinanziert und ein Museum «Kunst der Westküste» auf Föhr stiftete. Kann man Ihr Engagement in Georgien auf Château Mukhrani auch unter Wohltat einordnen?

Mein Engagement in Georgien hat viel mit seiner Historie und meinen persönlichen Gefühlen für eines der alten europäischen Weinanbaugebiete zu tun. Aber es soll 
neben aller Sentimentalität auch ein Geschäft werden, welches wachsen muss. Insofern möchte ich es lieber unter «Geschäft» einordnen.

Wie kam das Engagement in Georgien überhaupt zustande? Gestartet wurde ja dort schon ein Jahr vor der politischen Wende und der Rosenrevolution 2003. War das nicht etwas leichtfertig?

Ich habe am Nordpol einen Georgier getroffen, der mir eine Minderheitsbeteiligung an 
einem Weingut anbot. Ich bin eingestiegen und jetzt haben wir Château Mukhrani übernommen. Sicher war nichts in diesen Zeiten, und für einen Ausländer war es 
auch nicht einfach, Investitionen in einem Land zu tätigen, das dabei war, seine Unabhängigkeit zu finden. Ein Plus war sicher, dass Georgien sich dem Westen gegenüber 
öffnete. Da waren prestigeträchtige Investitionen willkommen. Die Bewunderung für die Weinkultur und die Geschichte des Landes haben mich alle Hürden überwinden lassen – und ich bereute nicht, dass ich Mukhrani wieder zum Leben erweckte.

Wie sehr verfolgen Sie diese Entwicklung dieses Betriebes, wie oft waren Sie schon vor Ort?

Ich bin regelmässig in Georgien, mindestens zweimal im Jahr, mein Sohn lebt und arbeitet in Tiflis, meine Familie begleitet mich gerne – die Menschen sind gastfreundlich und unverstellt und ich empfehle jedem einen Besuch des Landes – und des Weingutes.

Sie sind in Georgien noch über einen Spirituosenkonzern beim Weingut GWS mit stattlichen 400 Hektar beteiligt, 
das vorher von Pernod Ricard dirigiert wurde. Warum noch das?

Wir haben in der Tat weitere Firmenbeteiligungen. Die Vision ist, mit einer verstärkten Exportaktivität zur Internationalisierung 
des Weinanbauprojektes beizutragen.

Georgien und Russland sind sich nicht unbedingt freundschaftlich verbunden. Sie kennen Wladimir Putin, der selbst, was wenig bekannt ist, Weinbau betreibt. Gab es schon mal die Möglichkeit zum Gedankenaustausch in Sachen Wein?

Präsident Putin begegne ich ausschliesslich zu offiziellen Anlässen. Wir haben nie über Weinanbau und auch nicht über mein Engagement in Georgien gesprochen. Ihm ist bekannt, dass ich mich hier unternehmerisch engagiere, so wie ich mich über meine Pharmafirmen in Russland finanziell eingebracht habe.

Wie ist Ihr privater Weinkeller beschaffen? Welche Herkünfte favorisieren Sie? Auch die eigenen?

Beim Aufbau meines privaten Weinkellers hat mich der Sommelier des Pariser Sterne-Restaurants «Tour d’Argent» unterstützt. Es sind vor allem die französischen Rotweine, die mich immer schon fasziniert haben. Aber es werden auch die georgischen Rotweine 
und immer ein kleines Deputat des schleswig-holsteinischen Landweines und des Sektes von Föhr vorgehalten.

Können Sie sich an besondere Weine erinnern?

Ohne Frage war der beste La Tâche. Es ist ein eindrucksvolles Erlebnis, diesen Burgunder zu trinken. Schon am Hofe Ludwigs XVI. wurden Weine von dieser Lage besonders gerne getrunken, weil sie schon damals zum Besten gehörten, was das Land hergab.

Haben Sie schon mal Ihren eigenen Jahrgang 1950 geniessen können, obwohl er nur als mittelmässig eingestuft wird? Nur im Bordelais gab es ein paar Ausnahmen, etwa Petrus und Margaux…

Château Margaux 1950 war ein Genuss.

Wie kam es zum Weinbau auf der Insel Föhr?

Das war eine Schnapsidee, entstanden bei einem Gespräch über den Klimawandel. Zwischen den Ministerpräsidenten Carstensen und Beck wurde 2006 / 2007 die Übertragung der Pflanzrechte von Rheinland-Pfalz nach Schleswig-Holstein vereinbart, ganze zehn Hektar. Damit wurde Schleswig-Holstein das nördlichste Weinbaugebiet Deutschlands. Wir haben uns um Anbaufläche beim Ministerium beworben und bekamen zunächst zwei Hektar zugeteilt. Dank dieser Initiative steht nun auf Föhr die erste Generation friesischer Winzer in den Startlöchern: Der Sohn unseres Weinmachers studiert bereits Weinbau in Geisenheim im vierten Semester. Meine Investition hat das historische Berufsbild der Föhrer Männer von Seefahrern  und Landwirten um das des Winzers bereichert (lacht).

«Ich war erstaunt, wie sich der mineralhaltige Boden auf die Qualität auswirkt. Der Föhrer Weisswein ist frisch und fruchtig und passt hervorragend zur regionalen Küche mit Fisch und Meeresfrüchten. Aber mein Favorit ist der Sekt, der einzige von schleswig-holsteinischen Reben!»

Wie viel Fläche steht hier mit welchen Sorten unter Reben? Welche Mostgewichte lassen sich erzielen?

Im Jahre 2009 wurden die ersten Reben gepflanzt. Inzwischen sind wir bei 2,5 Hektar angekommen, die Ernte umfasste 2019 
rund 11 300 Liter. Aktuell werden Solaris und Johanniter angebaut, frühreifende pilzresistente Sorten, mit denen wir Mostgewichte von über 90 Grad Öchsle erzielen. Darüber hinaus experimentieren wir inzwischen auch mit dem Anbau von roten Sorten.

Hatten Sie hier weinfachliche Betreuung, und wurde vorher überprüft, ob Weinbau überhaupt möglich und sinnvoll ist?

Wir hatten von Beginn an Experten vor Ort. Winzer Jens Heinemeyer aus Biebelsheim, der mit seiner Beratungsfirma weltweit an exotischen Plätzen Weinanbau betreut, war eingebunden. Es wurden Gutachten zu Machbarkeit, Umsetzung und Bodengüte erstellt, die beim Landwirtschaftsministerium in Schleswig-Holstein geprüft und freigegeben wurden. Erst danach begannen wir mit der Pflanzung. Wir haben mit Christian Roeloffs einen Landwirt vor Ort, der sich ganz nach nordfriesischer Manier auf neue Wagnisse eingelassen hat und den Weinanbau vor Ort betreut. Heinemeyer kam in der Anfangszeit mit einer mobilen Presse und Abfüllanlage auf die Insel. Mittlerweile ist das Weingut Waalem mit Lagerraum, Tanks und einer Abfüllanlage ausgestattet.

Wie schmeckt Ihnen der Wein von Föhr?

Ich war sehr erstaunt, wie sich der mineralhaltige Boden auf die Qualität auswirkt. Der Weisswein ist frisch und fruchtig und passt hervorragend zur regionalen Küche mit Fisch und Meeresfrüchten. Aber mein Favorit ist der Sekt, der einzige von schleswig-holsteinischen Reben!

Kann ich nach einer Verkostung bestätigen. Die Qualitäten überraschen angenehm. Was haben Sie noch für Wein- oder sonstige Ziele im Leben?

Ich bin dankbar für das Erreichte und für meine Familie. Ich freue mich am Leben und bin neugierig, was es für mich bereithält. Mit zunehmendem Alter werden vor allem echte Freundschaften immer wichtiger.  

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