Verführerische Entdeckungen aus Frankreichs Süden.

Geballte Provence-Power!

Degustation und Text: Rolf Bichsel, Foto: VINUM

Wo die französische «Provinz» beginnt, weiss niemand so genau. Doch eines ist sicher: Beim Rosé endet sie nicht. Gerade aus dem viel zu wenig beachteten Herzen der Region (oder besser, der Seele) stammen Rot- und immer mehr auch Weissweine von Weltklasse. Kulturell und historisch gehören sie zur Provence. Weinmässig werden sie allerdings zum (südlichen) Rhônetal geschlagen und leiden damit oft gleich unter zwei sich eigentlich ausschliessenden Vorurteilen: Entweder werden sie als Rosé-Produzenten abgehakt – oder als Produzenten feuriger Südweine. Beides ist falsch. Mont Ventoux, Luberon und selbst die Alpilles sind Gebirgsmassive. Geologie, Höhe und Ausrichtung sind besonders vielfältig, und der Mistral sorgt zusätzlich für Frische. Rot- wie Weissweine entwickeln besonders interessante, fruchtige-würzige Aromen (wilde Beeren, Heidekräuter) jenseits jeder Sortentypizität, besitzen nicht nur Volumen, sondern auch Saft und Struktur. Die wichtigsten roten Sorten sind auch hier Syrah und Grenache, ab und zu ergänzt durch Varietäten wie Mourvèdre, Carignan oder Cinsault. Als Weissweine werden Grenache Blanc, Clairette, Rolle, Roussanne oder Viognier gekeltert, manchmal ergänzt durch Ugni Blanc oder Bourboulenc. Komplexität im Ausdruck ist also gegeben, ergänzt durch die Vielfalt der Ausbautechniken. Barrique, Stahl- oder Betontank, 500-Liter-Fass, Fuder, Betonei oder Tonamphore kommen parallel zum Einsatz und sorgen für sensorische Vielfalt. Nicht zu verachten ist auch die Tatsache, dass hier die Bio-Bewegung besonders aktiv ist und weiterhin wächst. In Les Baux zum Beispiel werden heute bereits alle Güter entweder biologisch, biodynamisch oder integriert bewirtschaftet.

Die Zahlen

Les Baux: AOC seit 1995, nur gerade elf Domänen bestellen knapp 250 Hektar Reben und produzieren 48 Prozent Rotwein, 7 Prozent Weisswein, 45 Prozent Rosé. Ventoux: AOC seit 1973. Knapp 5800 Hektar ergeben 68 Prozent Rotwein, 4 Prozent Weisswein, 28 Prozent Rosé. Luberon: AOC seit 1988. Knapp 3400 Hektar ergeben 35 Prozent Rotwein, 19 Prozent Weisswein, 46 Prozent Rosé.

IGP macht frei

Die meisten Betriebe füllen heute nicht nur AOC/AOP-Weine ab (geschützte Herkunftsbezeichnung), sondern auch IGP (Indication Géographique Protégé, geschützte geographische Kennung). Sie kommen entweder als IGP Vaucluse, IGP Alpilles oder IGP Méditerranée auf den Markt. Die IGP garantiert beziehungsweise schützt ebenfalls die Herkunft, lässt aber grössere Freiheit, was Sortenwahl oder Erträge anbelangt.

Resultate, Analysen, Statements

« Luberon, Ventoux und Les Baux sind eine Fundgrube, in der neugierige Weinfreunde kramen sollten. »

Rolf Bichsel VINUM-Autor

Am Herzen und an der Seele der Provence, dem Mont Ventoux, dem Luberon oder den Alpilles, habe ich schon lange einen Narren gefressen. Und doch übergehe und vergesse auch ich sie nur zu oft. Das mag damit zu tun haben, dass ausgerechnet diese Appellationen der Urprovence weinmässig und offiziell vom Rhônetal mit seinen vielen spannenden Herkunftsgebieten und von deren Winzerorganisation vertreten werden und der Zwerg Les Baux gar eine unabhängige AOC bildet. Oder damit, dass wir den Luberon und das Departement Vaucluse im Hinterkopf immer noch mehr als romantische Ferienecke sehen, denn als ernsthafte Weinregion. Oder dass wir bei «Provence» halt doch irgendwie an Rosé denken. Nichts gegen Rosé: Die Côte d’Azur (Côtes de Provence) ist für diesen Weintypus geradezu prädestiniert, hat einiges in die Entwicklung eines modernen Rosés gesteckt und bietet tatsächlich gute solche an. Doch langsam aber sicher tut das der ganze französische Süden und bald einmal die ganze Welt. Wie auch immer: Reduzieren wir die Provence nicht auf den Rosé und schon gar nicht auf die AOPs wie Ventoux, Luberon oder Les Baux! Die produzieren zwar auch Rosé, doch dank ihrer Höhenlagen, ausgezeichneten Böden und mannigfaltigen Ausrichtungen sind sie vor allem Produzenten grosser Rotweine. Die Weissweinproduktion steckt historisch und damit mengenmässig noch in den Kinderschuhen, doch die besten Weissen stehen nicht hinter den Roten zurück. Luberon, Les Baux und ganz besonders Ventoux, die eigentliche Überraschung dieser Verkostung, sind folglich eine echte Fundgrube, in der neugierige Weinfreunde kramen sollten.

Die Verkostung

Die Weine für diese Verkostung wurden direkt bei den Produzenten angefordert und in der Redaktion verdeckt verkostet. Die Weine der Kategorie IGP wurden auf ein Exemplar pro Produzent limitiert. Weitere Weine finden Sie hier. Bitte geben Sie in das Suchfeld Degustation ein: «Guide: Provence».

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