Jäger der vergessenen Reben • Kalabrien

Winzerlegende Nicodemo Librandi

Text: Christian Eder, Fotos: Luca Savettiere

Die Region Kalabrien gilt als die italienische Wiege des Weinbaus: Ein riesiger Schatz an autochthonen Varietäten schlummerte allerdings lange Zeit vor sich hin. Das war auch den Brüdern Antonio und Nicodemo Librandi (im Bild Nicodemo mit Sohn Paolo) bewusst, als sie begannen, landauf, landab vergessene Rebsorten zu sammeln, auszupflanzen und zu vinifizieren.bewusst, als sie begannen, landauf landab vergessene Rebsorten zu sammeln, auszupflanzen und zu vinifizieren.

Wann immer ich Nicodemo Librandi in Cirò Marina besucht habe, kam ich nicht nur des Weines wegen, sondern auch um ein neues Stück seiner Heimat zu entdecken. «Kalabrien ist noch immer ein unentdecktes Juwel unter den Regionen Italiens», sagte er stets. So bekam ich die Ruinen der einst mächtigen griechischen Siedlung von Kroton zu Gesicht, in der Pythagoras wirkte, Capo Rizzuto mit der trutzigen Festung, die kleinen Bergdörfer der Albanesi, die einst vor den Osmanen aus ihrer Heimat geflohen waren und noch immer einen alten albanischen Dialekt sprechen. Ich war mit ihm in den Wäldern der Silla, um Pilze und wilden Spargel zu suchen, die dann zu geschmackvollen Primi und Secondi verkocht wurden. Eines durfte dabei natürlich nie fehlen: ein kalabresischer Peperoncino, der mir selbst in homöopathischen Dosen die Tränen in die Augen trieb, den Nicodemo aber am Stück ass. 

«Wir haben die Region bereist, um die ursprünglichen heimischen Reben zu finden, die oft nicht mal einen Namen hatten.»

Cirò – DOC-Weinanbaugebiet mit Top-Erbe

Dieser Tage wird Nicodemo Librandi 75 Jahre jung. Die Leitung der Kellerei hat er schon nach dem Tod seines Bruders Antonio 2012 sukzessive in die Hände der nächsten Generation gelegt: in die von Antonios Kindern Teresa und Francesco und seiner Söhne Raffaele und Paolo. Als Patriarch (im besten Sinne des Wortes) hat er nach wie vor eine gewichtige Stimme im Familienrat inne. In ihrer Heimatstadt Cirò Marina sind Nicodemo und sein 13 Jahre älterer Bruder Tonino mit dem Panoramablick auf das Ionische Meer gross geworden. Ganz in der Nähe liegt Cirò, das auch dem Nachbarort den Namen gab: Wie viele andere Siedlungen auch wurde dieses Dorf im frühen Mittelalter auf einer Bergkuppe im Hinterland erbaut, um sich vor den Angriffen von Piraten zu schützen. Cirò ist ein Ort mit Geschichte: Ein Spaziergang durch die Gassen führt am Museum vorbei, das dem grossen Astronomen Luigi Lilio gewidmet ist, der im 16. Jahrhundert den gregorianischen Kalender reformiert hat. Ganz in der Nähe liegt die Schule, in der Nicodemo Mathematik unterrichtet hat: Noch immer kennt ihn daher mancher in der örtlichen Bar nicht nur als Winzer, sondern auch als «professore», der ihm Wurzelziehen und Potenzieren beigebracht hat. Cirò ist natürlich auch der Name des wichtigsten Weinbaugebietes der Region, das im Vorjahr 50 Jahre DOC feierte: Die Trauben für Rossi, Rosati und Bianchi wachsen auf Hügeln, in kargen Tälern oder bei Cirò Marina direkt am Meeresstrand. Einst waren sie vor allem für trinkige Schoppenweine bestimmt, heute sind sie – allen voran die tanninreiche Gaglioppo im Cirò Rosso – die Basis von finessenreichen und langlebigen Kreszenzen. Dieser Gegensatz zwischen Meer und Bergen, die feuchten Brisen vom Ionischen Meer und die kühlen aus dem Silla-Gebirge, dazu die Lehm- Kalk-Böden, machten diesen Teil Kalabriens so perfekt, um elegante, fast nördliche Weine zu kreieren, meint Nicodemo.

Erfolg mit Super-Kalabrier

Sein Bruder Antonio hatte das Familienweingut in den 1950er Jahren aufgebaut. 1973 folgte ihm Nicodemo in Teilzeit ins Familienbusiness, seine Aufgabenbereiche wurden Weinbau und Verkauf. Mit seinem Diesel (in dem er auch des Öfteren übernachtete) begab er sich bald auf die Reise nach Deutschland, um seine Flaschen Händlern und Restaurants anzubieten: Als man in deutschsprachigen Landen bei italienischem Wein noch an Bastflaschen dachte, machte die Kellerei Librandi schon mit eleganten Bianchi und Rossi und dem «Goût Mediterranée» von sich reden. Cirò DOC war bald nicht mehr genug: 1988, als Nicodemo den Lehrerberuf an den Nagel hing, schufen sie mit dem Gravello – einer Cuvée aus autochthonen (Gaglioppo) und internationalen (Cabernet Sauvignon) Rebsorten – einen Super-Kalabrier, der schnell drei Gläser im italienischen Gambero Rosso eroberte. Das war aber den Librandis noch nicht genug, erzählt Nicodemo: «In den Zeiten von Magna Grecia waren wir schon als Enotria (Land des Weines) bekannt. Uns war immer bewusst, dass die Stärke Kalabriens in seinem grossen Erbe an eigenständigen Rebsorten besteht, die in keinem anderen Teil Italiens zu finden ist, nur fehlte dazu die Grundlagenforschung.» Das änderte sich, als die Familie 1997 die Tenuta Rosaneti im Südwesten Cirò Marinas erwarb: ein ausgedehntes Gut in Hügellage. In Zusammenarbeit mit Forschungsstätten wie der Universität Mailand wurde auf Initiative von Nicodemo ein Projekt gestartet, um zuerst einmal das riesige Erbe an autochthonen Rebsorten in Kalabrien auszuloten. Am Anfang stand eine fast detektivische Arbeit: «Wir haben die Region von oben bis unten bereist, um die ursprünglichen heimischen Reben zu finden, die oft nicht mal einen Namen hatten», erzählt Nicodemo. «Bei Reggio Calabria mussten wir uns sogar mit dem Dorfpolizisten durchs Unterholz zu verwilderten Stöcken vorkämpfen.» 1999 wurden 159 Rebsorten auf Rosaneti ausgepflanzt, 77 davon bis dato unbekannt und einzigartig.

Kalabrische Traubenvielfalt

Heute kann man auf Rosaneti durch den in Kreisform angelegten «Weingarten» mit den alten Reben wandern und – zur passenden Jahreszeit – die reifen Trauben verkosten. Und das macht Spass: Viele der damals angepflanzten Sorten sind schmackhaft-süsse Tafeltrauben. Dann erklimmen wir wieder den Landrover, mit dem uns Nicodemo über das 300 Hektar grosse Gut kutschiert. Mehr als 150 Hektar sind Rebberge, 80 mit Olivenbäumen bepflanzt, der Rest Büsche oder Grasland. An den Panoramapunkten macht er halt und erzählt von Attilio Scienza, Professor an der Uni Mailand, der ihn damals unterstützt hat, und von Donato Lanati, seinem Önologen, der ihm seit den 1990er Jahren zur Seite steht. Er schwärmt von der Vielfalt der kalabrischen Trauben, manche von ihnen zählten sicherlich zu den Rebperlen Italiens, sagt er: «Das Potenzial unserer autochthonen Rebsorten lernt man erst langsam abzuschätzen. Magliocco, Gaglioppo oder die weisse Mantonico sind auf dem besten Weg, aber auch hier kann man noch viel tun.» Es sei nun Aufgabe der neuen Winzergeneration, das Anbaugebiet Cirò voranzutreiben, meint er. Nämlich seine, die von Antonios Kindern und von Armando Susanna, dem Gatten seiner Nichte Teresa. «Enotria» heisst dessen Weingut passenderweise, das er gemeinsam mit seinem Partner Saverio Calabretta leitet und in dem er moderne kalabrische Weine kreiert, die tief in der Tradition verwurzelt sind. Mit «Borgo Saverona» nennen er und seine Frau Teresa auch ein schmuckes Hotel im Hinterland ihr Eigen, in dem ein altes Landgut stilvoll wiederbelebt wurde. Dort trinke ich mit Nicodemo noch schnell einen Espresso. Der Librandi-Patriarch ist sichtlich zufrieden über die Aufbruchstimmung, die in den Kellereien Ciròs herrscht. «Gerade das ist wichtig, damit es vorangeht», sagt er. Er selbst geht es inzwischen etwas ruhiger an. Am liebsten sei es ihm heute, sich um Rosaneti und die übrigen fünf Tenute der Kellerei zu kümmern: «Es ist herrlich an den Wochenenden, wenn niemand ausser mir in den Reben ist», gesteht er. In der abendlichen Dämmerung muss Nicodemo dorthin zurück: Wildschweine machen die Rebberge unsicher, auch sie schätzen die süssen, vollreifen Trauben. So hat Nicodemo Nachtwache: Mit einem befreundeten Jäger liegt er im Licht des Vollmonds auf der Lauer, um die Eindringlinge zu vertreiben. Denn bei seinen Trauben kenne er kein Pardon, versichert er mir noch mit einem schelmischen Zwinkern, bevor er seinen Landrover startet.

Zwischen Meer und Bergen

Sechs Tenute nennt die Familie Librandi heute ihr Eigen (Critone, Ponta Duca Sanfelice, Pitaffo, San Biase und Brisi, die grösste ist Rosaneti), aus deren Trauben die Basis einer grossen Palette an Weinen gekeltert wird, vom Schaumwein bis zum Passito.

www.librandi.it

Calabria IGT Critone 2019

16 Punkte | 2020 bis 2022

Chardonnay- und Sauvignon-Trauben von den Weingütern Critone in Strongoli und Rosaneti in Rocca di Neto, Casabona. Der Wein wird nur in Stahl vinifiziert und ausgebaut. Frische Fruchtigkeit, resche Zitrusnoten und Mineralität; am Gaumen kompakt, vife Säure, angenehm fruchtig. Ideal zu Meeresfrüchten.

Calabria IGT Efeso 2018

16.5 Punkte | 2020 bis 2024

Reinsortiger Mantonico, bleibt acht Monate sur lie in kleinem Holz: feinziselierte Nase mit Noten von frischen Früchten und Blüten; kompakte Textur mit gut integrierter Säure, einnehmend salzig-mineralische Komponente, endet auf Noten exotischer Früchte und balsamischer Komponenten. Kann reifen.

Cirò Rosso Classico Superiore Riserva DOC Duca Sanfelice 2016

17 Punkte | 2021 bis 2025

Reinsortiger Gaglioppo von Rebbergen in Cirò und Cirò Marina. Der Wein mazeriert zehn Tage und reift drei Jahre in Stahl. Duftet nach roten Beeren, Kirschen und Blüten, am Gaumen mit belebender Säure, fruchtig und ausgewogen das Finale. Hervorragender Essensbegleiter.

Calabria IGT Gravello 2017

17.5 Punkte | 2022 bis 2027

Der Gravello mazeriert in Holz und bleibt danach ein Jahr in der Barrique: dunkelfruchtig-würziges Bouquet, auch Pfeffernoten; am Gaumen kernig und doch mit schöner Eleganz, Aromen von dunklen Beeren und mediterraner Macchia dominieren, komplexer Abgang.

Calabria IGT Magno Megonio 2017

18 Punkte | 2021 bis 2027

Einer der grossen Weine des Südens aus der lange fast vergessenen Magliocco-Traube. Reift ein Jahr in gebrauchtem kleinem Holz: einladende Himbeer- und Gewürznase; am Gaumen kernig, die Säure belebend, elegant und ellenlang. Kann reifen.

Calabria Vino Passito IGT Le Passule 2018

17.5 Punkte | 2020 bs 2024

Der Beweis, dass Mantonico auch für den Ausbau als Süsswein geeignet ist: in der Nase Honig-, Aprikosen- und Blütenaromen; ausgewogen am Gaumen, die 120 Gramm Restzucker werden durch die Säure und eine feine salzig-mineralische Ader ausbalanciert. Opulentes Finish.

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