Winzerlegende aus Ampuis: Wie der Vater, so der Sohn

Marcel Guigal

Text: Barbara Schroeder; Fotos: Rolf Bichsel

Der Name Guigal hat Weltruf. Er steht für erstklassige Weine jeder Preisklasse, vornehmlich aus dem Norden der Rhône. Côte-Rôtie-Lagenweine wie La Mouline, La Landonne oder La Turque sind legendär. Aber auch der einfache Côtes du Rhône ist von guten Eltern. Verantwortlich für diesen Grosserfolg sind zwei Männer, die ganz unten begonnen haben.

Seine 77 Jahre sieht man ihm kaum an. Aus den Augen blitzt der Schalk, etwa wenn er begründet, warum er für die Ausstattung seines Büros Empire-Möbel (aus der Zeit Napoleons I.) gewählt habe: «Weil mit Guigal alles immer schlimmer wird.» (Französisch: de pire en pire). Nicht ganz einfach, Marcel Guigals Erzählstrom zu folgen, der vom Hundertsten ins Tausende springt, vom Spitzenwein über Politik und seiner Passion für schnittige Autos zu Antiquitäten aus der Römerzeit und zurück. Marcel Guigal ist ein Mann mit zahlreichen Leidenschaften. Er interessiert sich für Mathematik und Architektur, liest Englisch wie seine Muttersprache (für seine Generation eine Seltenheit) und ist doch hundertprozentiger Autodidakt. Stolz präsentiert er das Diplom der Universität Harvard, das ihn als regionalen Sieger der «Victoires des Autodidactes» ausweist.

Das gibt Gelegenheit zu einer Frage: «Was charakterisiert Guigal am besten? Was ist das Geheimnis für den Erfolg?» Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Familie!» Die Familie ist sein Ein und Alles. Der Sohn ist in seine Fussstapfen getreten – umso besser, gezwungen hat er ihn nicht. Die Schwiegertochter arbeitet mit. Ebenso gelassen nimmt er die Tatsache hin, dass mittlerweile bereits seine zehnjährigen Enkel davon sprechen, einst bei Guigal einzusteigen. Seine Gattin arbeitet ebenfalls im Betrieb mit und ist seine wichtigste Vertraute geblieben. Die Familie ist sein Halt, sein ruhender Pol, sein guter Stern.

Hundert Prozent Familienkapital

Guigal, heute ein Grossunternehmen mit über 50 Angestellten, 150 Hektar Spitzenlagen und einer Jahresproduktion von acht Millionen Flaschen, alles Weine erster Klasse, ist tatsächlich ein reiner Familienbetrieb geblieben. 2003 hat Marcel das Unternehmen Sohn Philippe abgetreten, mit der bereits 1974 verbrieften Auflage, dass auch nicht der kleinste Anteil an Kapital in fremde Hände geraten dürfe. Doch bis heute ist der Frühaufsteher («Ich bin ab 5.30 Uhr auf den Socken.») täglich im Büro und über alles im Bilde. Er selbst ist mit 17 Jahren in den von Vater Etienne gegründeten Betrieb eingetreten.

Nicht ganz freiwillig: 1961 erblindete Etienne. «Ich ging ohne Abitur von der Schule ab, wurde zu Auge und Hand meines Vaters, fuhr Laster ohne Führerschein, unterschrieb seine Checks, obschon ich als Minderjähriger gar nicht das Recht dazu hatte, lernte meinen Beruf quasi aus dem Stand, arbeitete eng mit meinem Vater zusammen. Ich bereue nichts. Mein Vater war ein ganz besonderer Mensch. Er war nie auf der Schule, doch er schrieb fehlerfrei und löste jedes Mathematikproblem mit links. Er lernte bei der Arbeit. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht 20 Mal an ihn denke.» Etienne gewann später sein Augenlicht wieder – ein medizinisches Wunder.

Das Vorbild

Etienne ist und bleibt Marcels Vorbild. Mit acht Jahren kam Etienne Guigal, der früh seinen Vater verlor, als Verdingbub auf einen abgelegenen Hof: Die Mutter konnte nicht mehr für ihre drei Kinder aufkommen. Etienne war der Jüngste, doch auch der Pfiffigste: «Wenn einer das schafft, bist du es», sagte die Mutter. Verglichen mit der eisigen Alp war das Tal mit seinem blauen Fluss, den Obstbäumen und Reben für den Jungen wie das Paradies auf Erden. Er träumte von einer besseren Zukunft, wollte Winzer werden.

Mit 14 Jahren stieg er bei Vidal Fleury in Ampuis ein. In dieser alteingesessenen Familie war man Notar vom Vater auf den Sohn, bis sich einer der Sprösslinge weigerte, der Familientradition zu entsprechen. Um ihm ein Auskommen zu sichern, vertraute man ihm die Reben an, die zum Familienbesitz gehörten. Aber Rebenpflege an den steilen Hängen der Côte-Rôtie war harte Arbeit. Der junge Guigal kam da wie gerufen. Rasch wurde er zum Verwalter befördert, kümmerte sich fortan um alle Belange des Betriebes, vom Rebbau über Weinbereitung bis hin zum Verkauf, und tat dies mit solchem Geschick, dass Vidal Fleury rasch wuchs und praktisch über Nacht zum wichtigsten Handelshaus der Rhône wurde.

Doch Etienne, mittlerweile verheiratet und Vater, gab sich damit nicht zufrieden: Er wollte seinen Name auf dem Etikett der Weine sehen, was sein Arbeitgeber strikt ablehnte. Etienne stieg aus und gründete 1946 sein eigenes Unternehmen. In dieses wurde der junge Marcel katapultiert – und wie sein Vater aus Vidal Fleury machte er daraus quasi im Handumdrehen, wozu andere Generationen Jahrzehnte gebraucht hätten: einen mustergültigen Weltklassebetrieb. Etienne Guigal starb 1988 im Alter von 80 Jahren. «Bis zum letzten Tag war er in den Reben anzutreffen und wäre da heute noch», ergänzt Marcel Guigal.

Die Châteaux

Die Guigals kauften später nicht nur Vidal Fleury, sondern auch Château d’Ampuis, wo einst Mutter Marcelle als Hausangestellte schuftete («Ja, mein Vater nannte mich nach meiner Mutter. Wenn er rief, kamen wir gleich alle beide angetrabt, das war effizienter», erzählt Marcel schmunzelnd). Heute ist es Sitz der Kellerei. Die legendären Lagen der Côte-Rôtie erwarb er, weil sein Vater meinte, dass La Mouline, La Landonne und La Turque die besten Weine der Appellation ergäben. Dass nur das Beste gut genug ist für Guigal («Ich spreche von mir, doch eigentlich meine ich uns, wir sind die Guigals, eine Familie, wir arbeiten Hand in Hand, Konflikte kennen wir nicht»), zeigt er bis heute, etwa mit dem Erwerb von Château Nalys, dem Spitzengut in Châteauneuf-du-Pape.

E. Guigal ist Winzerbetrieb und Handelshaus in einem. «Negociant-éleveur», präzisiert Marcel und pocht mit der Hand auf den Tisch. «Darin liegt der ganze Unterschied. Wir suchen die Weine persönlich aus, bevor wir sie erwerben, bauen sie in unseren Kellern aus, mit der grössten Sorgfalt, unter Pflege jedes Details».

Kein Stolz und keine Reue

Etwas, worauf er besonders stolz ist? «Stolz ist keine gute Sache. Natürlich freut es mich, dass mein Sohn in meine Fussstapfen getreten ist, dass er von einer bekannten amerikanischen Zeitschrift zum Mann erklärt wurde, der weltweit am besten über Wein spreche, dass gleich mehrere Verkoster unseren Côtes du Rhône als den Wein mit dem besten Preis-Spass-Verhältnis der Welt bezeichnen oder dass die Schauspielerin Carole Bouquet für die Heirat ihres Sohns unsere Weine auftischen liess, obschon sie mit Philippe Sereys de Rothschild von Mouton Rothschild lebt. Aber stolz? Nein, stolz bin ich nicht.»

Nichts, was er bereut, nichts, was ihm fehlt? «Arbeit ist für mich nicht Arbeit, Arbeit ist Leidenschaft. Handel und Aktion liegen mir im Blut. Meine Leidenschaft gehört dem Weinbau, aber auch der Politik. Ich war lange im INAO aktiv, der nationalen Weinbaubehörde, bin seit 22 Jahren Generalsekretär der Vereinigung der Exporteure, interessiere mich für Steuerfragen, habe die ‹Steinkrankheit›». Alte Mauern, alte Gebäude faszinieren ihn, nicht zuletzt darum hat er das als historisches Monument eingetragene Château d’Ampuis erworben oder das Gebäude in Ampuis, in dem heute ein Weinshop und ein kleines feines Weinmuseum untergebracht sind. Man hat ihm mehrmals politische Ämter vorgeschlagen, doch er bleibt lieber im Hintergrund, ein Mann im Schatten.

Zukunftspläne

Pläne für die Zukunft? «Gesund bleiben in dieser seltsamen Epoche – und weiter Reben kaufen, natürlich nur erstklassige Spitzenlagen. Gleich morgen werden wir Reben erwerben. Doch ich kann davon noch nicht sprechen!» Warum er nie ohne Mütze anzutreffen ist? «Ach, das ist doch ganz einfach! Zum Verkosten braucht es eine gute Nase! Die Mütze wärmt den Sinus – lieber verliere ich mein Portemonnaie als meine Baskenmütze.»

Qualität, Stil und Klasse

Guigal steht für Spitzenqualität quer durch alle Preisklassen, vom «einfachen» Côtes du Rhône bis zum Spitzen-Cru aus Châteauneuf-du-Pape oder der Côte-Rôtie.

RangBeschreibung
1
16,5/ 20
Punkte
Côtes du Rhône Nord (septentrional), Côtes du Rhône, Frankreich
E. Guigal
2
17,0/ 20
Punkte
Côtes du Rhône Nord (septentrional), Côtes du Rhône, Frankreich
E. Guigal
3
17,5/ 20
Punkte
Côtes du Rhône Süd (méridional), Côtes du Rhône, Frankreich
Château de Nalys
4
16,0/ 20
Punkte
Côtes du Rhône Süd (méridional), Côtes du Rhône, Frankreich
Château de Nalys
5
17,0/ 20
Punkte
Côtes du Rhône Nord (septentrional), Côtes du Rhône, Frankreich
E. Guigal
6
18,5/ 20
Punkte
Côtes du Rhône Nord (septentrional), Côtes du Rhône, Frankreich
E. Guigal

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