Stationen der Weingeschichte

Es juckt die Laus

Um 1865 taucht in Südfrankreich und in Bordeaux ein neuer Schädling auf, der sich bald über die Weingärten der Welt ausbreitet. Ein Mittel zur Bekämpfung gibt es bis heute nicht.

Im Jahr 1863 öffnet J.O. Westwood, Professor für Entomologie (Insektenkunde) an der Universität von Oxford, ein Paket mit Pflanzenproben, das ein paar Rebblätter mit gallenartigen Auswüchsen enthält. In einem davon entdeckt der Forscher ein millimeter kleines, ihm unbekanntes Insekt. Westwood notiert ein paar Beobachtungen und vergisst die Sache wieder: Unbekannte Insekten sind Legion.

Etwa zur gleichen Zeit gehen in einem Weingut in Pujaut bei Tavel (Côtes du Rhône) ein paar Rebstöcke ein. Sie leiden an keiner der bisher bekannten Rebkrankheiten. Doch auch dieser Tatsache schenkt niemand Beachtung. Vier Jahre später adressiert der Verwalter eines Weinguts bei Arles einen Brief an den Präsidenten des regionalen Landwirtschaftskomitees. Seit zwei Jahren sterben auf seinem Weingut Reben ab, ohne dass er die Ursache dafür findet.

Es vergehen Monate, bis die regionalen Instanzen reagieren. Sie betrauen Henri Marès mit der Untersuchung des Problems. Marès, umjubelter Erfinder der Methode zur Bekämpfung des Echten Mehltausmittels einer Schwefellösung, begibt sich in einen betroffenen Rebberg bei Carpentras, notiert die Symptome, ohne deren Ursache auf den Grund zu gehen, und spielt die Bedeutung des Phänomens herunter.

Im Juli 1868 wird eine zweite Kommission gebildet. Sie besteht aus Jules-Emile Planchon, Professor an der Apothekerschule von Montpellier, dem Agronomen Gaston Bazille und dem Gärtner Félix Sahut. Die drei Experten reissen bei einem Winzer namens de Langloy in Saint-Martin du Crau (bei Saint-Remyde Provence) einen befallenen Rebstock aus. Sie glauben an Pilzbefall und suchen mit gezückten Lupen nach Zeugen. Sie finden keinen Pilz, sondern eine kleine Laus von gelblicher Farbe, am Holz festklebend und dessen Saft saugend.

Eine Laus? Nein, es sind Tausende von Läusen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Sie sind überall, an den tiefsten Wurzeln wie an den oberflächlichsten. Nach einigem Hin und Her wird der Schädling Phylloxera vastatrix getauft.

Inzwischen hat auch der Engländer Westwood seine Forschungen wieder aufgenommen, das Insekt entdeckt und ihm den Namen Peritymbavitisana verliehen. Der Name Phylloxera sei nicht treffend, weil das Insekt sowohl in den Wurzeln als auch in den Blättern sitze, Phylloxera sich aber allein auf Letzteres beziehe. «Ich verfolge die Entwicklung einer Nymphe und werde Zeuge des Ausschlüpfens eines eleganten Insekts mit vier durchsichtigen Flügelchen.

Damit ist klar: Das ursprünglich Rhizapis (‹das in den Wurzeln lebende›) getaufte Insekt ist eine Phylloxera», antwortet Planchon 1874 darauf. Und vergisst zu erwähnen, dass der Erste, der die Phylloxera in Europa identifiziert, der Pariser Entomologe Signoret ist, dem der Mediziner und Pharmakologe Planchon, der wenig von Insekten versteht, ein paar Exemplare zur Analyse zukommen lässt. Und dass nicht er, Planchon, die geflügelte Form des Insekts entdeckt hat, sondern der Veterinär Pierre Boiteau aus Villegouge bei Bordeaux, der dafür vom französischen Landwirtschaftsministerium eine Goldmedaille zugesprochen erhält.

Während sich eitle Wissenschaftler um treffende Namen balgen und darüber streiten, wo die Laus ihre Tage verbringe und wer als Entdecker der Reblaus in die Geschichte eingehen soll, setzt die Reblaus ihr Zerstörungswerk fort. Ein Jahr nach ihrer offiziellen Entdeckung taucht sie in Bordeaux auf. 1879 sind zwei Drittel der französischen Rebfläche vom Schädling befallen.

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