Stationen der Weingeschichte

Lügen haben volle Gläser

Mythen und Legenden, Kalkül, Kommerz und Hochgenuss – ab dieser Ausgabe nehmen wir Sie mit auf eine Reise kreuz und quer durch die Zeitachse, zu den wichtigsten Stationen der Weingeschichte. Reiseleiter Rolf Bichsel erklärt Ihnen das Wie und Warum.

Schaffen wir erst mal Klarheit. Am Anfang steht nicht ein Wort, sondern ein Missverständnis. Weingeschichte gibt es nicht. Weingeschichte ist eine Wortkonstruktion, ein Neologismus, der mehr verspricht, als er halten kann. Denn es gibt wohl Geschichte und Geschichten rund um den Wein, aber keine Weingeschichte. Weil es keine Weingeschichtsschreiber gibt.

Hugh Johnson ist kein Forscher, sondern ein talentierter Autor, den man nun allerdings mehr und immer wieder lesen sollte. Roger Dion oder Marcel Lachiver, die beiden meistzitierten Koryphäen der französischen «Weingeschichtsschreibung», sind grosse, anerkannte Historiker (nicht Weinhistoriker!), die wie Johnson Standardwerke zur Geschichte des Weins verfasst haben.

Alle sind sie Repräsentanten des 20. Jahrhunderts. Wie Columella, Plinius oder Diodor von Sizilien Historiker der Antike waren, die auch mal einen Satz oder zwei zum Thema Wein verfassten, Sätze, die gemessen an ihrem Gesamtwerk Tropfen sind auf einen heissen Stein, so oft aufgewärmt, dass davon nur Dampf übrig bleibt.

Die meines Wissens erste universelle Wein-Enzyklopädie, die «Topographie aller bekannten Weingebiete», wurde 1816 von André Jullien verfasst. Jullien war Weinhändler, weder Geograf noch Historiker. Nein, Weingeschichte ist eine Erfindung der jüngsten Zeit, in den meisten Fällen dazu missbraucht, zu beweisen, dass A älter ist als B und darum A bessere Weine macht als B, damit A seine Weine teurer vermarkten kann als B. Weingeschichte reimt sich nur zu oft und schmerzlich und wortbrüchig auf Kommerz. Wein impliziert eben nicht automatisch Wahrheit.

Geschichte ist nützlich. Sie hilft, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu deuten. Das gilt auch für die Geschichte des Weins. Doch Geschichte kann genau so gut zum böhmischen Dorf werden, das den Blick auf die Wahrheit vernebelt. Sie lässt sich – weil es nur wenig verlässliche Quellen gibt – manipulieren, interpretieren, neu verfassen und missbrauchen. Kaiser Domitian hat den Weinbau in den Provinzen nicht eingeschränkt, um Italiens Weinbau zu schützen, sondern um zu verhindern, dass die Provinzler Hunger starben.

Nicht Dom Pérignon hat den Champagner erfunden, sondern ein englischer Physiker – drei Jahre, bevor der vielzitierte Dom überhaupt ins Kloster kam. Bordeaux ist nicht die wichtigste Weinregion der Welt, weil ringsum die besten Böden liegen und das Klima besonders förderlich ist, sondern weil Bordeaux eine Hafenstadt ist, die 300 Jahre unter der Herrschaft der weinliebenden und geschäftstüchtigen Engländer segelte.

Geschichte ist kein Freifahrschein zum Erfolg. Sonst würden wir heute ägyptischen Dattelwein einkellern statt Château Margaux. Zahlreiche historische Weinregionen sind von der Erdachse verschwunden. Andere werden erst entstehen. Es braucht keine lange Geschichte, um einen grossen Wein zu erzeugen. Was heute revolutionär erscheint, schreibt morgen – Geschichte.

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