Stationen der Weingeschichte

Licht ins Dunkel

Von violetter Farbe, vollmundig, alkoholschwer – der typische Parker-Wein des 21. Jahrhunderts? Irrtum: der Wein, der im 17. Jahrhundert Mode wurde. Manchmal beisst sich Weingeschichte in den Schwanz wie ein verspielter Kater.

Kleider machen Leute, und die Traubenhaut die Farbe des Weins. Doch rote, blaue, schwarze Trauben haben fast immer weisses Fleisch und ergeben Wein von hellroter Farbe. Ausser, der Mensch greift korrigierend ein. Was er sich selten verkneifen kann.

Ob Ägypter und Griechen und Römer sich mit weissen oder roten Weinen den Alltag versüssten, wollen wir hier nicht erörtern. Immerhin: Eine Studie der spanischen Forscherin Rosa María Lamuela-Raventós aus dem Jahr 2004 scheint zu beweisen, dass ägyptischer Wein Anthozyan enthielt, ein Indiz für rote Farbe. Doch sollte es ihn gegeben haben, war der Urrote nicht schwarz wie ein Bordeaux-Primeur-Muster, sondern rosig wie Schneewittchens Lippen. Was weder bis heute überlieferte Comicstrips aus der Antike widerlegen noch die Tatsache, dass Wein jahrhundertelang aus rasch abgepressten Trauben gekeltert wurde und dem Rebensaft folglich gar nicht die Zeit blieb, vor Scham zu erröten.

Mangel an Farbe ist lange Zeit gar Zeichen grösster Qualität. Ein undurchsichtiger Wein hat etwas zu verbergen. Im 13. Jahrhundert serviert der Herzog von Guines durstigen Gästen, die um ein Glas Wasser bitten, stolz einen Wein, so klar wie Brunnenwasser. Ein Pariser Geniesser löscht im Jahr 1550 seinen brennenden Durst mit einem hellroten Wein, der «bekömmlich und luftig ist wie Himbeersaft». Der Spitzenwein des Mittelalters und der Renaissance, der Vinumclarum, ist frisch und leicht und wird pur getrunken. Was sich nur ein Adliger oder ein vermögender Bürger leisten kann.

Der grobschlächtige Vinum rubrum ist dem Fussvolk vorbehalten, das seinen Schoppen mit Wasser strecken muss. Farbkräftig (damit er verdünnt dem Vinum clarum gleicht) ist er dank Beigabe von Holundersaft und anderen Schlaumeiereien. Denn um natürlich mehr Farbe in den Wein zu kriegen, braucht es vollreife Trauben von Sorten mit dicken, pigmentierten Häuten (aus südlichen Gebieten zum Beispiel) und ein Minimum an Maischekontakt.

Dunkelrot wird Wein darum erst im 17. Jahrhundert, dank steigendem Einkommen des Plebs, der sich nun ebenfalls reinen Wein einschenkt und doch nicht von seinen Trinkgewohnheiten absehen will, dank regerem Austausch zwischen Süd und Nord, dank der Konkurrenz von farbkräftigen Kolonialgetränken wie Kaffee und Schokolade, dank der Einführung von Flasche und Kork, die längere Lagerung ermöglichen, was eckige Tannine geschmeidiger macht. Farbe wird das wichtigste Qualitätsmerkmal des Weins.

Mitte des 19. Jahrhunderts werden amerikanische Traubensorten, darunter die Isabella mit dunkelrotem Fruchtfleisch, in Europa angebaut – und schleppen so ganz nebenbei die Reblaus ein, was zur grössten Katastrophe der europäischen Weingeschichte führt. Doch der Mode der farbkräftigen Roten hat sie kein Ende gesetzt. Jedes halbwegs legale Mittel ist auch heute recht, Weine tiefdunkler Farbe ins Glas zu kriegen.

Ein 2011 durchgeführter Konsumententest hat ergeben, dass die am besten notierten Weine die mit der tiefsten Farbe sind. Einziger Lichtblick am schwarzroten Weinhorizont: der wachsende Erfolg des Rosés.

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