Stationen der Weingeschichte

Hafenromantik

Jahrhundertelang ist Frankreich das wichtigste Weinland der Welt. Weil es die besten Böden hat? Irrtum! Weil es rings und kreuz und quer im Wasser steht.

Wein ist – wie Geld, Elektrizität oder Wasser – nur dann eine Energie, wenn er fliesst. Will sagen: ohne Absatz kein grosser Wein. Zum Grand Vin wird Rebensaft, wenn er zirkuliert und Mehrwert bringt. Das wissen– natürlich – schon die alten Römer, die zum Transport von Wein Zisternenboote verwenden, die je über 30 Hektoliter fassen.

Auch die trinkfesten Gallier (oder besser: die Gallo-Römer) schlafen nicht und beginnen mit der Weinproduktion. Sie werden zu Meistern ihres Fachs und des Vertriebs, dank gut funktionierender, ursprünglich von Griechen gegründeter Seehäfen wie Cetius (Sête) oder Massilia (Marseille). Wenn Gallien zum Eldorado für Weinhändler wird und für Jahrhunderte zum wichtigsten Weinexportland der Welt, hat das einen feuchten Grund: Frankreich ist mit einem dichten Netz schiffbarer Flüsse versehen, auf denen Wein gemütlich zum Seehafen schaukelt und umgekehrt.

Die meisten französischen Departements sind nach den Flüssen benannt, die sie durchpflügen: Loire und Rhône allein begleiten mehrere Dutzend französischer Weinappellationen. Die Champagne profitiert von der Marne, Beaujolais von der Saône, und Aquitanien, das«Wasserland», von Garonne, Dordogne, Isle, Lot, Tarn, Aveyron, Adour, Gers und anderen mehr. Nur die burgundische Côte d’Or bildet die Ausnahme. (Immerhin: Ab 1832 verbindet der Canalde Bourgogne Dijon über Yonne und Seine mit dem Atlantik und über Saône und Rhône mit dem Mittelmeer).

Ist der Seehandel der Antike faktisch auf das Mittelmeer beschränkt, so entwickelt er sich im hohen Mittelalter im Atlantikraum. Bordeaux wird zum ersten grossen Weinhafen der Welt. Von hier aus gelangen seine Weine zuerst fast ausschliesslich nach England – Bordeaux segelt 300 Jahre lang unter englischer Flagge – und später Richtung Hansehäfen, in die baltischen Länder, nach Skandinavien, nach Indien, in die Neue Welt. Nantes garantiert den Absatz der Weine der Loire, La Rochelle verschifft den Cognac, und Sête und Marseille bleiben (relativ bescheidene) Stützpunkte des Mittelmeerhandels.

Die Weine des Südens erleben erst wieder einen Aufschwung, als der Canal du Midi ab 1681 Sête mit Bordeaux verbindet. Wenn die «Florentiner Weine», wie die heutigen Chianti oder Supertuscans lange heissen, weniger bekannt sind als ein Bordeaux, wenn die Rioja erst dann als Exportregion wichtig wird, als aufgrund der Reblauskrise französischer Wein zu fehlen beginnt, dann ganz einfach, weil der nächste Hafen nicht vor der Haustür liegt. In den Export geraten sie erst wirklich mit dem Aufkommen der Eisenbahn. Stattdessen verlassen riesige Mengen einfachen Offenweins aus der Mancha, aus Utiel-Requena oder Jumilla den Hafen von Valencia und prägen – oder zerstören – während Generationen den Ruf des spanischen Weins.

Deutscher Wein wird im Export praktisch mit Rheinwein gleichgesetzt – der Rhein ist eine ideale Handelsstrasse. Zypriotische Weine sind schon im Mittelalter bekannt, gesucht und teuer, und selbst ein Abstinenzler kennt Malaga, Madeira, Sherry oder Port, wenigstens dem Namen nach.

Porto ist ein besonders gutes Beispiel für die Wichtigkeit eines Hafens: In Porto selber wächst kein Wein. Die besten Anbaugebiete befinden sich im Alto Douro, Dutzende von Kilometern von Porto entfernt. Über den Douro werden die Grundweine nach Porto verfrachtet, wo sie ausgebaut und verschnitten werden.

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