Stationen der Weingeschichte

Krise, hausgemacht

Warum nur pflanzen französische Winzer amerikanische Reben und schleppen Mehltau und Reblaus ein, obschon die US-Reben fast ungeniessbare Weine ergeben? Eine Spurensuche.

Der Besitzer des Weingutes bei Pujaut in der südlichen Rhône, wo die Phylloxera zum ersten Mal Schaden anrichtet, ist ein grosser Reisender vor dem Herrn. Mag sein, dass er ein paar amerikanische Reben als exotisches Souvenir mit nach Hause schleppt und pflanzt, um den Nachbarn zu beeindrucken.

Doch diese Theorie ist genauso unwahrscheinlich wie folgende: In den Rebschulen Südfrankreichs und des Bordelais seien amerikanische Sorten erforscht worden, weil einige davon, darunter die Isabella, besonders resistent gegen Echten Mehltau seien. Denn der Echte Mehltau wird in England 1845 entdeckt und in Frankreich 1847. Der Präsident der «Landwirtschaftszentralgesellschaft» des Departements Hérault im Languedoc, Louis-César Cazalis-Allut, baut auf seinem Gut bei Frontignan aber verbrieft und unwiderlegbar schon seit 1832 Isabella-Trauben an!

1840 bringt er seine Eindrücke zu Papier. Der Wein der Isabella habe einen penetranten Geschmack von Himbeere, schreibt er, und eigne sich höchstens als Beigabe in der Assemblage. Warum also scheut Louis-César Cazalis-Allutkeine Kosten, um Reben in Übersee zu ordern, zu pflanzen, jahrelang zu hegen, um schliesslich festzustellen, dass deren Weine fast ungeniessbar sind? Will er als Hellseher in die Geschichte eingehen, indem er auf eine Varietät setzt, um damit eine Krankheit zu bekämpfen, die erst auftaucht, als nämliche Sorte bereits seit Jahren angebaut wird, eine Krankheit, die vielleicht gerade mit dieser Sorte eingeschleppt worden ist? Denn wie die Reblaus stammt auch der Mehltau aus der Neuen Welt. Das alles tönt nach Rechtfertigung und Unterschlagung historischer Tatsachen.

«Elementary, my dear Watson!» Als Sherlock Holmes des Weins verfolgen wir eine ganz andere Spur. Erstes Indiz sind ein paar Zeilen, verfasst von Rougier de la Bergerie: «Das Einzige, was die Winzer in den Weinbergen der kleinen Weinregionen bewegt, ist die Farbe.» Farbe und damit Extrakt ist plötzlich alles im Wein. Verlangt wird diese nicht von kultivierten Geniessern, die jedem Wein misstrauen, der nicht transparent ist und folglich «etwas zu verstecken hat», sondern von braven Arbeitern, die unter der galoppierenden Industrialisierung des Nordens leiden, für die der Konsum von Wein günstig Kalorien liefert, aber auch etwas Licht und Wärme ins Dunkel eines endlosen, monotonen Arbeitsalltags bringt.

Durch Steuern zu teuer gewordener Alltagswein löst die Französische Revolution aus – davon mehr in einem späteren Kapitel. Die Suche nach Sorten, so unsere These, die kostengünstig im Anbau sind, aber selbst bei höchster Produktion noch farbkräftige Weine ergeben, die man mit Wasser verdünnen kann, ist schuld an der Reblauskrise. Überschreiten Erträge von Qualitätsrebbergen nur selten 20 Hektoliter pro Hektar, ergeben die produktivsten Rebberge des Languedoc plötzlich problemlos zehnmal mehr und versorgen so den Norden mit «gros rouge qui tache», grobem Rotwein, der Flecken macht, wie dieses Erzeugnis die nächsten 150 Jahre geheissen wird.

Die Reblaus fällt wie zuvor der Echte Mehltau über Europa her und hat mit dem jahrhundertealten, traditionellen Rebmaterial, meist durch Ableger vervielfacht, leichtes Spiel. Die Einzigen, die überleben, sind die vitalen Einwanderer aus der Neuen Welt, deren Wurzeln künftig dazu dienen werden, krankheitsanfällige europäische Edelreiser zu tragen.

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