Stationen der Weingeschichte

Reberziehung

Warum auch Reben die Schulbank drücken müssen? Mit ihnen ist es wie mit Kindern: Zu streng erzogen fehlt es ihnen an Initiative und Pep, ganz und gar unerzogen machen sie uns die Hölle heiss.

Reberziehung ist so alt wie unsere Zivilisation. Die alten Ägypter ziehen die Rebe an Spalieren hoch, die Römer an einer Art Kammer aus vier Holzpflöcken, die mit Querstangen versehen sind. Die Bürger und Mönche des Mittelalters ruhen im Schatten ihrer Rebpergeln und pflanzen die Rebe auf steinigen Äckern, wo sonst nichts anderes wächst, halten die Pflanze niedrig und zurren sie an Spickeln fest.

Die Urrebe, eine Schlingpflanze, die sich jeder Erziehung entzieht, ist ein paar Millionen Jahre älter als der Mensch. Mit der Urrebe haben heutige Rebklone so viel gemein wie ein zahmer Hauskater mit einem Säbelzahntiger. Überlässt man eine Weinranke sich selber, wird sie ihren Genen gehorchen wie die Katze, die das Mausen nicht lässt – trotz Whiskas & Co.

Sie wächst in Schlingen und bildet, lässt man ihr nur genügend Zeit, einen fast undurchdringlichen Tunnel von Ästen und Reisern. Die Urrebe gedeiht dort, wo es Bäume gibt, an denen sie sich nach oben ranken kann. Bäume bilden Wälder. Wälder sind schattig, Waldboden ist sauer. Doch als die besten Weinbergsböden gelten solche von Lehm und Kalk (oder von Kies oder Granit oder Schiefer, aber sicher nicht Torf und Hochmoor), und die heutige Rebe benötigt bekanntlich ein Minimum an Licht und damit Sonne. Auch die Liane will nach oben ans Licht. Das oberste Auge treibt am kräftigsten aus. Je höher sie klettert, desto länger wird der Stamm und verliert schnell seine unteren Äste.

Lässt man die Liane klettern, hängen die Trauben jedes Jahr höher und werden irgendwann für Menschenhand unerreichbar. Das alles illustriert nicht nur, wie sehr sich unsere Weinrebe von ihren wilden Vorfahren unterscheidet, sondern auch, mit welchem Eifer und Einfallsreichtum der Mensch an der Selektion, der Anpassung und der Erziehung der Rebe arbeitet, über Jahrtausendehinweg. Im besten Fall, um eine robuste, krankheitsresistente Pflanze zu erhalten, und im schlechtesten, indem er sie degenerieren lässt im Ringen um bestmöglichen Ertrag und so allen ihren Zivilisationskrankheiten aussetzt –Mehltau, Reblaus, Esca, Eutypiose.

Die Rebe braucht Erziehung, braucht Symbiose, braucht den Menschen, um als Kulturpflanze zu überleben. Ihre Erziehung kann mit künstlicher Autorität erfolgen – die Wurzeln der Pflanze reichen in klinisch tote Böden, Blätter und Äste werden maschinell zu einem Kubus gestutzt, und jede Attacke von Feinden wird prophylaktisch mittels Chemiepräparaten verhindert – oder mit natürlichen. Man lässt ihr eine gewisse Freiheit, ihr Gleichgewicht zu finden, begleitet aufmerksam ihre Entwicklung und schränkt sie nur da ein, wo es in ihrem Interesse ist, nährt sie ausgewogen, pflegt sie in präzisen, homöopathischen Dosen.

Das tun Rebbauern (weil sie nicht anders können) empirisch seit mehreren Tausend Jahren, mit mehr oder weniger Geschick. Und das tun die Vorkämpfer zeitgemässen Rebbaus heute wieder, mit dem umfassenden Wissen und den Mitteln unserer Epoche. Wein ist das Blut unserer westlichen Zivilisation, das ohne Reberziehung nicht fliessen würde. Ob unsere Zivilisation den Rebbau ermöglicht hat oder umgekehrt? Die Frage ist so müssig wie die nach dem Huhn oder dem Ei.

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