Reitsteig 1659

Die Silvaner-Residenz (Teil-1)

  • 360 Jahre Silvaner
    Ferdinand Fürst zu Castell-Castell, Peter Geil. (Foto: Domäne Castell)
  • 360 Jahre Silvaner
    Das Wildbad, 1601 erbaut, diente einst Wasserkuren. (Foto: Domäne Castell)

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 8. Juli 2019


DEUTSCHLAND (Castell) – Sie gehören zu den ältesten Geschlechtern Deutschlands. Ihr Habitus nach der Definition von Aristoteles war und ist, der nächsten Generation den Weg zu bereiten. Schon immer und auch heute fühlt sich die Familie der Region verpflichtet. Ihr Status ist der Adel. Ihre Titel: erst Edelfrei, dann Graf, dann Fürst. Ihr Heimatort und Familienname „Castell-Castell“ – die Casteller von Castell. Die Ortschaft wird im 9. Jahrhundert (816) erstmals in Urkunden erwähnt. Ins 11. Jahrhundert, genau datiert auf das Jahr 1057 und bezogen auf den Ahnherrn Edelfreier Rupert, der sich später nach seinem Stammsitz „de Castello“ benannte, führt der heutige Hausherr Ferdinand Fürst zu Castell-Castell seine Ursprünge zurück. Seit 1202 gehörte die Familie zum Reichsgrafenstand und wurde 1901 in den erblichen bayerischen Fürstenstand erhoben. Ferdinand Fürst zu Castell-Castell repräsentiert die 27. Generation zusammen mit Fürstin Marie-Gabrielle. Fünf Kinder hat das Paar. Graf Carl wird Fürst Ferdinand nachfolgen und, so ist der Plan, dann die 28. Generation der Familie führen.

Nicht ohne Stolz blickt Ferdinand Fürst zu Castell-Castell auf die vergangenen Jahrhunderte zurück. Dabei markiert das Jahr 1266 den Anfangspunkt des Weinbaus und des Weinguts, heute Fürstlich Castell´sches Domänenamt genannt. In diesem Jahr wurden die Einzellagen Schlossberg, Hohnart, Reitsteig und Trautberg erstmals erwähnt. 1566 dokumentiert den Beginn der Produktion von Rotwein. In den Urkunden ist weiter notiert, dass 1832 zum ersten Mal Rieslingreben in der Lage Hohnart gepflanzt wurden. Heute sind die steilsten Lagen am Schlossberg mit Riesling und Silvaner bestockt und dem Grossen Gewächs vorbehalten.

360 Jahre Silvaner

Aber das absolute Highlight der Daten für die Fürstliche Domäne ist das Jahr 1659. Eine Urkunde belegt den Kauf und Erhalt am 5. April sowie die Anpflanzung von Österreicher Reben an den folgenden Tagen im April 1659 – es ist die erste nachweisliche Anpflanzung des Silvaners in Deutschland. Die Geschichte dahinter ist spannend. 

Gehen wir zurück noch vor den Dreissigjährigen Krieg (1618 bis 1648). Wir schreiben das Jahr 1601. Damals errichtete Baumeister Martin Haag aus dem Nachbardorf Wiesenbronn im Auftrag der Grafen Castell ein Wildbad im Ort. Es wurde nach Fertigstellung an einen Betreiber verpachtet, fortan bot man hier Bade- und Trinkkuren an. Das Wasser, das vom Schlossberg in die Ebene floss und dem als „Bitterwasser“ heilende Wirkung nachgesagt wurde, fing man in einem Becken fürs Kurbad und ein Mühle auf. Die Räume des Wildbades – mit ihren tragenden Säulen erinnern sie an einen Hamam – sind heute noch erhalten. Die damals darüber befindlichen Räume beherbergten die Kurgäste, es gab eine Art Restaurant und einen Gemeinschaftsraum. Später, nach dem Dreissigjährigen Krieg, gab man das Wildbad nach und nach auf, das Gebäude wurde zum Regierungssitz der Grafschaft umfunktioniert. Heute befindet sich in den historischen Gemäuern das Casteller Archiv mit über 8000 Urkunden und einem Kilometer Akten, verwaltet von Graf Jesko zu Dohna.

Graf zu Dohna war es auch, der mit spannenden Geschichten die Delegation der Journalisten, die zum Pressemeeting „360 Jahre Casteller-Silvaner und 50. Casteller Weinfest" eingeladen waren, in den ehemaligen Gewölben des Wildbads mit den wichtigsten Geschehnissen der Fürstlichen Familie in Spannung versetzte und danach ins Archiv führte. Nach seinen Worten kurten Adelige und Patrizier, aber auch Äbte und Mönche aus Münsterschwarzach und Dettelbach sowie auch Kaufleute aus der Region in Castell. Unter den oft wochenlang kurenden Gästen war auch die Ehefrau des Rebhändlers Georg Kraus aus dem damals zur Grafschaft Castell gehörenden Obereisenheim. Es wird vermutet, dass die Ehefrau erwähnt hat, dass ihr Mann neue Reben aus Österreich bekommen soll. Daraus folgte ein Auftrag des Grafen Wolfgang Georg, 25 Österreicher Stecklinge, damals „Fechser“ genannt, nach Castell zu liefern, die dann unterhalb des Schlossbergs in der Lage Reitsteig gepflanzt wurden. Es war offensichtlich ein Test, um herauszufinden, ob diese Rebe für den Keuperboden und das Casteller Klima entlang des Steigerwalds, das sich zu dieser Zeit stark abgekühlt hatte, geeignet sei. Alles was danach geschah ist Geschichte – der Silvaner begann von Castell aus seinen Siegeszug durch ganz Deutschland.

  • 360 Jahre Silvaner
    Der Beleg für die Erstanpflanzung des Silvaners 1659 in Castell. (Foto: Domäne Castell)
  • 360 Jahre Silvaner
    Das Casteller Archiv – 8000 Urkunden, ein Kilometer Akten. (Foto: Domäne Castell)

Ältestes Silvaner-Gut Deutschlands

Seit nunmehr 360 Jahren sind die kultivierten Lagen des Casteller Domänenamtes Heimat der Rebsorte Silvaner. Es ist einer dieser wegweisenden Taten der Casteller, die nicht nur für die eigene Weindomäne, sondern für die gesamte Geschichte des fränkischen Weinbaus prägend war. Das Team des Weingutes ist heute von Stolz erfüllt. Auch Ferdinand Fürst zu Castell-Castell glaubt an die Zukunft des Silvaners: „Wir lieben Silvaner und wir haben selbst heute, nach 360 Jahren, immer noch viel vor. Gerade mein Team mit junger Führung geht wieder ganz anders an die Sorte heran. Das ist sehr motivierend.“ 

Als ältestes Silvaner-Gut Deutschlands zu den besten Weingütern des Landes zu zählen, ist das Ziel. Dafür setzt das engagierte Team um Weingutsleiter Peter Geil gerade im Bereich Silvaner immer wieder neue Akzente. Neben Silvaner aus den grossen Casteller Lagen, wie Schlossberg, Hohnart oder Kugelspiel – grösstenteils Monopollagen im Alleinbesitz – bringt das Domänenamt auch neue Ausbauarten des Franken-Klassikers hervor, wie beispielsweise den Apriles, ein Silvaner aus dem Barrique, was ihm nicht nur eine besondere Note verleiht, sondern auch hohes Alterungspotential schenkt. Darüber hinaus produziert das zum Gründungsmitglied des Verbandes VDP.Die Prädikatsweingüter gehörende Gut Silvaner aller Qualitätsstufen, angebaut und vinifiziert nach der Klassifikation des VDP. „Das Casteller Keuper-Terroir, durchwachsen mit Alabaster, lässt unsere Weine langsamer reifen, was gerade bei den Grossen und Ersten Lagen eine besondere Rolle spielt. Deshalb sollte man allen Weinen aus Castell immer ein Jahr mehr gönnen", erläutert Ferdinand Fürst zu Castell-Castell.

Starke Statements

Das fränkische, am Steigerwald gelegene VDP.Weingut, das vom ambitionierten und talentierten Weingutsleiter Peter Geil geführt wird, rüstet sich aktuell für die Zukunft in Zeiten des Klimawandels. „Wir blicken auf rund 800 Jahre Weinbau zurück, wir sind die Wiege des Silvaneranbaus in Deutschland, das ist Verpflichtung und Anreiz zugleich. Unsere Herausforderungen kennen wir“, sagt Peter Geil. Dem pflichtet Ferdinand Fürst zu Castell-Castell bei und konstatiert: „Zu den zentralen Werten unseres Wirkens, egal ob im Weinberg, im Forst oder in der Bank, gehört es, vorausschauend und zukunftserhaltend zu planen, um Weinberge, Wälder und Vermögenswerte in ihrem bestmöglichen Zustand an die folgende Generation weiterzugeben“.

Die Silvaner-Residenz (Teil-2)

In Teil-2 lesen Sie mehr zum Anbau und Vinifizierung des Casteller Silvaners, erfahren interessante Ansichten aus der Geschichte dieser Rebsorte und ich erzähle Ihnen die Story des Casteller Weinfestes.

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