Made in Lasino

Frauenpower bei Pravis

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 4. September 2019


ITALIEN (Lasino) – Es war das Jahr 2000, als ich erstmals die VinItaly besuchte. Eines meiner Themen war das Trentino. Stichprobenartig verkostete ich mich durch die Halle und blieb hängen bei Lina. Lina, Ehefrau von Domenico Pedrini, präsentierte den Stand des Trentiner Weingutes Az. Agr. Pravis. Die Weine, die sie mir vorstellte, zogen mich in ihren Bann. Domenico bemerkte unser schon länger andauerndes, intensives Gespräch, kam vorbei, grüßte und stellte mir einen Teller mit Salami, Brot , Olivenöl und Käse vor die Nase. Irgendwelche Speisen während einer Verkostung zu mir zu nehmen hatte ich schon damals abgelehnt – mich stört jede Nahrung, wenn ich versuche, sensorisch zu verkosten. Der Duft der Trentiner Spezialitäten, die so selbstverständlich anmutende Geste, die warme Art der beiden empfand ich damals als sehr angenehm. Und ja, ich konnte nicht anders und gab der köstlich kulinarischen Versuchung nach. Aus einer gedachten Stippvisite wurde ein langer Nachmittag. Dieser Besuch begründete mein Interesse für die Weine aus dem Trentino.

Die Begegnung mit Lina und Domenico, die mehr Zufall als Plan war, hält als freundschaftliche Beziehung bis heute an. Ihre beiden Töchter, Giulia und Erika, damals noch Kinder, stehen seit kurzem in der Verantwortung bei Pravis. Erika verweist auf ein Studium der Oenologie in Geisenheim. Sie schloss als Jahrgangsbeste mit Auszeichnung ab. Giulia studierte in Trento Wirtschaftswissenschaft und Betriebswirtschaft sowie Oenologietechnik beim Istituto Agrario di San Michele.

 

Im Gespräch mit Giulia und Erika

 

Was bedeutet der Name Pravis?

(Giulia): Ganz in der Nähe von Lasino gab es ein für den Weinbau geeignetes Grundstück, wo 1970 erstmals Reben gepflanzt wurden. Dieser Flecken wurde Pravis genannt. Die Gründer hatten sich auf diesen Namen für ihr gemeinsames Weingut geeinigt.

Wer waren die Gründer?

(Erika): Drei Freunde. Mario Zambarda, der zunächst nur Weine aus der Traube Müller-Thurgau produzieren wollte, Gianni Chistè und unser Vater Domenico Pedrini. Die Aufgaben, die anstanden, verteilten sie untereinander. Gianni war für den Weinbau und die Pflege der Reben zuständig, Domenico für das Weingut und Kellerarbeit und Mario kümmerte sich um die Abfüllung sowie um das Administrative und das Marketing.

Heute seid Ihr beide in zweiter Generation in der Verantwortung. Wie erlebtet ihr den Generationenwechsel?

(Giulia): Der Generationenwechsel ist einer der wichtigsten Lebenszyklen von Unternehmen. Es geht vor allem um Kontinuität in der Organisation und im Management. Wichtig ist, dass die von den Vorgängern geleistete Produktivität erfolgreich weitergeführt, dabei aber auch Perspektiven für Verbesserungen und Wachstum geöffnet werden.

(Erika): Wir schätzen es sehr, dass die Gründungsväter uns nicht allein lassen, dass sie uns unterstützen. Sie sind regelmäßig da, stehen uns mit Rat zur Seite, korrigieren unsere Ideen und üben auch eine willkommene Kontrollfunktion aus. Auch die Kinder von Gianni und Mario sind involviert. Beide sind wie Giulia und ich quasi im Weingut geboren. Gianni und seine Söhne Alessio (28) und Silvio (20) haben Agrarwissenschaft studiert. Gemeinsam kümmern Sie sich um die Weinberge. Die Administration übernehmen Alessio und meine Schwester Giulia, ebenso das Marketing und die Vinothek. Und für die Vinifikation bin ich, gemeinsam mit meinem Vater, verantwortlich.

(Giulia): Der Übergang fiel uns allen leicht. Unsere Väter liessen uns stets viel Freiheit, um eigene Entscheidungen zu treffen. Wichtig war uns beim Heranwachsen in die Aufgaben, dass wir glücklich sein durften bei dem, was wir gerade taten.

Wie ist Pravis heute dargestellt?

(Erika): Unser Gut ist zu gleichen Teilen zwischen den Gründern und der zweiten Generation aufgeteilt. Einschließlich den Eigentümern haben wir neun feste Mitarbeiter. Dazu kommen in der Erntephase eine Reihe Helfer dazu.

(Giulia): Wir alle wirken in einer familiären Atmosphäre und nach dem Motto „alle für einen – einer für alle“. Wir leben täglich Transparenz und beachten Kriterien sowie den Umgang miteinander zum Wohle der Familie und unseres Unternehmens. Von unseren Mitarbeitern, die wir selbstverständlich in diese Sphäre mit einbeziehen, erwarten wir, dass sie an unsere Vision und Arbeitsweise glauben, diese sich zu eigen machen und somit mittragen. Wir möchten, dass wir alle das Gefühl haben, Zuhause zu sein. Wir legen auch großen Wert auf Klarheit, auf Dialog basiertem Meinungsaustausch, Vorschläge und Initiativen, die der Qualität im Weinberg, im Keller und im ganzen Unternehmen nützlich sein sollen.

Ich habe schon zu Eurer Kindheit die Weine von Pravis schätzen gelernt. Es ist ein Gut, dessen stete Entwicklung ich über die Jahre mitverfolgen durfte. Euer beider Mitwirken war schon in den letzten Jahren positiv zu spüren. Trotz der Modernität, die ihr ohne Frage repräsentiert, bleibt Ihr traditionellen Prinzipien treu und entlockt den hier wachsenden Reben eine beachtenswerte Vielfalt, Frucht und Mineralität. Was ist die Essenz der Weine von Pravis?

(Giulia): Da muss ich etwas ausholen. Das Trentino ist eines der Weinbaugebiete, das aufgrund seiner geografischen Lage, die reich an verschiedenen Klimazonen und meist steinigen Böden ist, Qualitätsweine produziert, die sich oft durch besonders angenehme Aromen und absolute sensorische Strenge auszeichnen. Die alpine Morphologie des Trentiner Bodens zeigt Weinberge, die sich vom milden Ufer des Gardasees über den Talboden bis hin zu den Hängen der Dolomiten erstrecken. In dieser Umgebung, in diesem Lebensraum befindet sich seit Jahren direkt am Fuße des Castel Madruzzo, das Weingut Pravis, etwas außerhalb des Ortes Lasino im Valle dei Laghi. Unsere seit den 1970er-Jahren kultivierten Rebflächen, auf meist steinigen, kalkigen Böden, finden hier ideale Bedingungen. Diese Lagen bewahren durch die sich zum Gardasee öffnenden Bergketten an dessen Flanken, Tälern und Senken eine einzigartige Temperatur, wo ein mildes, windiges Klima herrscht, das für den Anbau unserer Reben bestens geeignet ist.

(Erika): Wir haben etwa 36 Hektar im Ertrag. Unsere Rebflächen erreichen Höhen bis über 600 Meter über dem Meeresspiegel, eingebettet zwischen dem Gardasee im Süden und den Brentao-Dolomiten im Norden. Dazwischen herrscht ein einzigartiges Mikroklima, begleitet von der Ora, so nennen wir den Wind, der vom Gardasee in die Berge strömt. Diese Bedingungen sind ideal für unsere einheimischen Sorten wie den Nosiolo. Aber wir haben auch vom Aussterben bedrohte Arten im Anbau. Dazu gehören rote Sorten wie Negrara oder Groppello di Revò, letztere war im 18. Und 19. Jahrhundert die vorherrschende Sorte im Trentino, heute eine seltene Rebe im Anbau. Wir haben auch Weinsorten wie Sauvignon, Solaris, Cabernet Cortis und Johanniter sowie den Pinot Noir im Anbau.

Einige dieser Sorten dürften von der Klon- und Rebzucht des Freiburger Instituts stammen.

(Erika): Ja, korrekt. Diese Sorten, wie Solaris und Cabernet Cortis, können in umweltsensiblen Gebieten, beispielsweise neben Gebäuden, in Parks oder entlang von Verkehrswegen angebaut werden. Sie benötigen keine Behandlung mit Schwefel oder Kupfer. Einzig eine ordentliche Bewässerung muss gewährleistet sein. Dann brauchen diese Reben nur noch Sonne, Luft, gute Pflege und viel Leidenschaft.

(Giulia): Ein weiterer Vorteil ist, dass diese Sorten von Natur aus auch resistent gegen Pilzkrankheiten sind.

Habt ihr beide eine neue Weinlinie lanciert?

(Erika): Ja, als Erstes ein Sekt nach klassischer Methode. Wir nennen ihn Blau Dorè, vinifiziert ausschliesslich aus Trauben der Sorte Pinot Noir, weiss gekeltert als Blanc de Noir, mit einem Reifeprozess von mindestens 24 Monaten auf der Hefe. Die Produktionsmenge mit 5.000 Flaschen ist noch recht gering.

Was bedeutet die Bezeichnung Blau Dorè?

(Giulia): Der Name ist eine Kombination aus der deutschen Bezeichnung des Pinot Noir, also Blauburgunder, dessen Pendant wird in Frankreich als Plant Dorè benannt.

(Erika): Diese Sorte eignet sich gut für Sekte. Die Trauben stammen von Reben, die in über über 600 Metern über dem Meer kultiviert sind. Die Parzelle liegt oberhalb des Ortens Cavedine. Die Reben wachsen dort auf kalkigen Böden, bekommen viel Sonne, der Temperaturwechsel von Tag und Nacht ist hoch, sodass sich eine schöne Frucht entwickelt. Der Wein wird weiss gekeltert. In der Flasche hat er eine goldene Farbe.

Die Etiketten Eurer Weine haben einen besondere Style, die Namen sind speziell.

(Giulia): Das hören wir immer wieder. Die Grafiken auf den Etiketten sind sehr auffällig und auch einprägsam. Das Design gefällt unseren Kunden. Eine Besonderheit ist noch, dass die meisten unserer Weine den Namen der Gebiete oder sogar den Namen kleinster Parzellen tragen, wo die Reben kultiviert sind. Zum Beispiel die Standorte Madruzzo, Polin, Cros del Mont oder Le Frate. Das hilft zur Identifizierung unserer Weine im Markt und ist auch eine klare Information für unsere Kunden.

Wie ist aktuell Eure Marktverteilung?

(Giulia): In 2018 hatten wir 20 verschieden Weinsorten und Grappa mit einer Produktion von insgesamt 180.000 Flaschen. In der Regel werden 60 Prozent unserer Weine in Italien abgesetzt, die restlichen 40 Prozent in Deutschland, Belgien, Schweiz, Russland und in Übersee in Amerika und Japan.

 

 

Wenn Ihr Euer Weingut beschreiben wollt, wie würde das lauten?

(Erika): Wir sind ein kleines familiäres Unternehmen, das Wein, Sekt und Grappa produziert und seit Jahren auf dem Markt ist. Schon die Gründerväter hatten eine Vision. Ihr Narrativ: Lage, Boden und Traube müssen harmonisch wirken, wobei die jeweiligen besonderen Eigenschaften hervorgehoben sein sollen. Heute führen wir diese Vision fort, wobei wir ebenso wie unsere Väter innovative Anbaumethoden einsetzen, aber auch neue Techniken probieren und auch spezielle Experimente fahren. All dies unter der Prämisse, die Umwelt zu schonen, die Geschichte und die Traditionen zu respektieren. Natürlich ist es nach wie vor unser Bestreben, qualitativ hochwertige Produkte herzustellen und diese auf den Märkten bekannter zu machen.

(Giulia): Im Rahmen von „Made in Italy“ oder besser noch, „Made in Trentino“, sind die Herausforderungen für Erika und mich, die Anstrengungen und Errungenschaften der Gründerväter fortzuschreiben, wobei das frühere maskuline Management von uns jetzt in ein feminines Management umgewandelt wird. Noch unterstützt uns der maskuline Teil, aber in der Zukunft ist es unsere alleinige Herausforderung.

Immer, wenn ich Euch besuche, bin ich von der Lage und des Stils des Weingutes begeistert. Sämtliche Gebäude integrieren sich wie selbstverständlich und dabei derart charmant und architektonisch gekonnt in die schöne Berglandschaft, dass Neuankömmlinge oftmals das Gut erst entdecken und staunen, wenn sie kurz davor sind, obwohl es von weither sichtbar ist. Empfindet Ihr ähnlich?

(Erika): Ja, wir empfinden ähnlich. Es fängt schon damit an, das unsere Gebäude schlicht, zweckmäßig und mit Materialien aus der unmittelbaren Umgebung erbaut sind. Kein Prunk, kein überflüssiges Detail. Die Steine, die unsere Gebäude umgeben sind die gleichen, die ringsum zu finden sind. Schon deshalb ist unser Gut auch so schwer von weitem zu erkennen.

(Giulia): Ich verstehe, wenn unsere Besucher von der Natur um uns herum beeindruckt sind. Unser Gut befindet sich in Hanglange unterhalb des markanten Castel Madruzzo. Dieses Castel, die Bergkulisse rundum sind unsere Identität, genauso spiegelt sich unser Wirken und die Kraft der Reben in den Trauben und in unseren Weinen. Es ist nicht selbstverständlich in einer so naturnahen, attraktiven und imposanten Umwelt zu arbeiten und zu leben. Wir alle sind sehr dankbar dafür.

Ein Aufenthalt bei Euch empfindet man als familiär. Ist das gewollt, ist dies ein Instrument des Marketings?

(Erika): Oh nein, ganz und garnicht. Weil wir eben selbst eine familiäre Atmosphäre leben und unsere Familien alles demnach untergeordnet haben, spüren unsere Besucher diese Atmosphäre. Wer zu uns kommt, der fühlt, dass unsere Willkommenskultur aus dem Herzen kommt.

(Giulia): Unser Hof, inmitten der Gebäude, hat ausreichend Platz zum Parken. Der Besucher befindet sich sofort mitten unter uns. Eine Terrasse, lichtdurchflutete Verkostungsräume und sanitäre Anlagen sind wie ein Wohnbungalow gezeichnet, der nicht protzt, sondern sich charmant an die Produktionsräume angliedert.

Wie sieht Eure Zukunft aus, was sind Eure Wünsche?

(Giulia): Ich wünsche mir für uns alle, für das gesamte Trentino, mehr Selbstbewusstsein. Wir müssen keineswegs zurückhaltend sein, sondern eher stolzer, sensibler für unsere Produkte und unsere lokalen Spezialitäten eintreten.

(Erika): Auf ökologischer Ebene gibt es nicht viele Gebiete mit einer solchen Struktur, mit Bergen, Seen, Tälern und einem besonders gesegneten Klima. Wir sind angehalten, den unschätzbaren Wert der gesamten Region in erster Linie zu erhöhen, erst dann kommt das Unternehmen dran. Denn wenn du nur für ein Unternehmen arbeitest, gleicht es einem Selbstzweck. Aber wenn du eine breite Vision hast, bereit bist daran zu arbeiten, dann musst du die Gemeinschaft und deine Heimat unbedingt mit einbinden. Denn auf den Menschen und der Geschichte des Trentino basiert die Qualität unseres Unternehmens.

Was für ein schönes Statement – es war nicht anders zu erwarten. Ihr beide seid Kinder von Lina und Domenico, ihr denkt und handelt so wie eure Eltern, deren Wirken ich in den vielen Jahren unseres Kontaktes schätzen lernen durfte. Danke für das Gespräch – Tutto il meglio per il futuro!

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