Saft, Kraft und Rasse

Bordeaux 2018

 

Mag sein, dass wir ihm «en primeur» mit unserer vorsichtigen Bewertung etwas Unrecht getan haben. Die übermütige Grosszügigkeit vieler Weine, also der hohe Alkoholgrad, gepaart mit Extrakt und teils erstaunlicher, nicht immer ideal integrierter Säure schien nicht ganz dem zu entsprechen, was wir stilmässig von Bordeaux erwarten. Jahrgänge wie der erratische 2016er oder der luftige, elegante 2017er entsprachen (und entsprechen) eher unserem Gaumen.

Vielleicht sind wir einfach toleranter geworden. Oder haben uns, nach 2019 und 2020, an die ganze Pracht und Fülle gewöhnt. Richtig ist auch, dass wir Bordeaux nicht vorwerfen können, was wir zum Beispiel an norditalienischen Weinen gerade so schätzen: Fruchtigkeit, Fülle und Rasse. Wie dem auch sei, wir haben mehr Primeurnoten erhöht als in anderen Jahren. Der Ausbau sorgte auf den meisten Gütern in Pomerol und Saint-Émilion für mehr Schliff und bessere Integration von Alkohol, Extrakt und Säure als in Pessac-Léogan oder dem Médoc. Was nur illustriert, wie wichtig es ist, sich nicht allein auf den «en primeur»-Eindruck zu verlassen, sondern grosse Bordeaux immer auch abgefüllt genau unter die Lupe zu nehmen.

Gemessen am langjährigen Schnitt mag der 2018er stilistisch tatsächlich aus dem Rahmen fallen. Zu den beiden letzten eingebrachten Jahrgängen passt der 2018er hingegen wie ein Drilling. Fazit: Wer Bordeaux im Stil eines Brunello mag, kommt 2018 durchaus auf seine Rechnung. Immerhin haben wir nie behauptet, die Weinmacher der Region hätten 2018 bessere Arbeit leisten können, ganz im Gegenteil. 2018 war witterungsmässig ein kompliziertes Jahr (das scheint langsam die Regel zu werden). Nach Monaten anhaltender Regenfälle brannte ab Juli nur mehr die Sonne. Die Blüte ging unter diesen Bedingungen noch erstaunlich gut über die Bühne. Doch der pfeilschnell und überraschend ausbrechende falsche Mehltau (noch eine Regel) sorgte für einige Aufregung besonders auf den naturnah arbeitenden Gütern. Was übrig blieb, war hingegen perfekt reif, auf allen Gütern und in allen Lagen. Hohe Zucker-, Tannin- und Säurewerte in den Rotweinen waren die Regel. Aus der heutigen Perspektive betrachtet ist der Jahrgang 2018 ganz einfach der Erste eines unheimlichen Trios aus besonders fleischigen, vollmundigen Weinen. In einer Rangliste der drei Jahrgänge bleibt der 2018er an dritter Stelle. Doch wer die drei in einigen Jahren vergleichen wird, mache sich auf ein spannendes Abenteuer gefasst.

Den edelsüssen Weinen fehlt (wie 2020) höchstens die Botrytiskomplexität. Was die trockenen Weissen anbelangt, haben wir die 2019er unter die Lupe genommen, die bereits auf dem Markt sind. Sie besitzen Fleisch, aber auch tragende Säure und interessante Aromatik von Blüten und frischen Früchten ohne überreife Noten.