Wie ein Phönix aus der Asche

Nordmazedonien

Fotos: z.V.g., freevectormaps.com

Der nordmazedonische Weinbau ist im Umbruch. Die Qualität der Weine hat in den letzten Jahren massiv zugelegt. Und mit den vollmundigen Rotweinen, die aus der Sorte Vranec gekeltert werden, hat die Region ein ähnliches Alleinstellungsmerkmal wie das argentinische Mendoza mit dem Malbec.

Die mazedonischen Winzer sind stolz auf die lange Tradition des Weinbaus in ihrem Land. Überhaupt wird hier Geschichte generell gross geschrieben. Besonders in der Hauptstadt Skopje sind die berühmten Söhne des Landes allgegenwärtig. Das beweisen die Statuen von Philipp II. und Alexander dem Grossen. Mazedonien, oder genauer gesagt die Republik Nordmazedonien, wie das Land seit Februar 2019 offiziell heisst, ist eine der ältesten Weinregionen der Welt. Mit seiner dreitausendjährigen Weinkultur steht das Land in der ersten Reihe der historischen Weinländer, wie Griechenland oder Italien. Schon in der Antike, aber auch im Mittelalter, ja sogar während der osmanischen Dominanz auf dem Balkan, waren die Weine aus Mazedonien äusserst gefragt. In der Neuzeit, vor allem nach einem turbulenten 20. Jahrhundert mit Kriegen und einer langen kommunistischen Ära, entsteht hier gerade ein neues Weindenken. 

Der Markt ruft

Der nordmazedonische Weinbau steckt inmitten einer dynamischen Umstrukturierungsphase. Kellereien, die noch vor wenigen Jahrzehnten hauptsächlich billigen Wein für die durstigen sozialistischen Bruderstaaten produziert haben, sind jetzt international tätig und versuchen sich neu zu positionieren. Unbekannte Rebsorten und das kyrillische Alphabet auf den Etiketten erschweren zwar dieses Unterfangen, aber die Bemühungen im Export tragen doch erste Früchte. Hilfreich ist, dass sich die Betriebe zwar intensiv mit ihren alteingesessenen Sorten beschäftigen, gleichzeitig mit Merlot, Syrah und Co. mehr Internationalität in ihre Flaschen bringen. Diese Weine aus internationalen Sorten zeigen, wo der nordmazedonische Weinbau heute qualitativ steht und sind wichtige Türöffner in neue Märkte.

Erster «World Vranec Day»

Trotzdem sind lokale Spezialitäten wie Vranec und Kratosija gefragter denn je. Was Malbec für Argentinien bedeutet oder Zinfandel für Kalifornien, das könnte Vranec für Nordmazedonien sein. Der 2019 zum ersten Mal in Skopje mit internationaler Beteiligung durchgeführte «World Vranec Day» war ein deutliches Zeichen, das man sich in diese Richtung entwickeln möchte. Wer die nordmazedonischen Weinbaugebiete kennenlernen will, fährt von der Hauptstadt Skopje aus südwärts. Es präsentiert sich ein herrliches Land voller Farben. Die Strasse führt durch bewaldete Berghänge, Mais und Tabakfelder, überquert einige Male den Vardar-Fluss und erreicht schliesslich die ersten Rebberge. Kleine Parzellen an den Hängen wechseln sich mit grossen zusammenhängenden Weingärten ab. Traditionell werden die Trauben seit Jahrhunderten von Hand gelesen, behutsam in Kisten gelegt und auf die bereitgestellten Wagen verladen. Auch der eine oder andere moderne Vollernter ist im Einsatz, doch als Kontrast dazu gibt es immer noch die mit Trauben beladenen Karren, die von Eseln gezogen werden. Die Kutscher, meist mit Hut und brennender Zigarette, grüssen freundlich, während sie ihr Gefährt in gemächlichem Tempo zum Keller lotsen.

«Starker schwarzer Hengst»

Nicht das die Cabernets und Chardonnays von hier langweilig wären, aber besonders interessant ist, was heute aus den alten lokalen Sorten gekeltert wird. Und die gibt es reichlich. Die Sorte «Vranec», die mit 10800 Hektar ein Drittel der gesamten Rebfläche belegt, steht dabei im besonderen Fokus. Ursprünglich aus Montenegro stammend, wird Vranec, auch Vranac genannt, nicht nur in Nordmazedonien sondern in kleineren Mengen im ganzen Balkangebiet angebaut. Die Geschichte der Sorte ist erst bruchstückhaft erforscht. Eines fällt jedoch relativ schnell auf. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Primitivo im Aussehen, aber auch im Geschmack, ist da. Und das ist kein Zufall. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt das Vranec durch natürliche Mutation aus der ebenfalls auf dem Balkan beheimateten Sorte Kratosija entstanden ist und diese wiederum mit Crljenak Kastelanski, Tribidrag, Primitivo oder Zinfandel identisch ist. Der Name Vranec bedeutet so viel wie «starker, schwarzer Hengst» und präsentiert sich dementsprechend. Tiefdunkle Farbe, gepaart mit fester Tanninstruktur, mittlerer Säure, kompaktem Körper und einem leichten Hang zur Überreife wird er nicht nur reinsortig, sondern immer öfter auch als Partner von Cabernet und Merlot eingesetzt. Doch nicht nur der Vranec sorgt für Spannung. Andere Rebsorten wie Prokupec, Stanushina oder die weissen Sorten Smederevka, Temjanika oder Zilavka haben ebenfalls viel noch nicht ausgeschöpftes Potenzial.

Weinfluss Vardar

Wer durch das Zentrum des nordmazedonischen Weinbaus reist, kreuzt immer wieder den Fluss Vardar. Er ist die zentrale Lebensader des Landes und windet sich durch beinahe alle Regionen, in denen hier Wein angebaut wird. Der Fluss ist Namensgeber für die wichtigste Weinregion des Landes und versorgt die Weinberge und andere Nutzflächen mit dem dringend benötigten Wasser. Laut offiziellen Zahlen wird gegenwärtig auf 33423 Hektar Wein angebaut. Die Rebfläche verteilt sich auf drei Weinregionen und 16 Distrikte. Das mit Abstand grösste und bekannteste Gebiet ist das Varda River Valley mit seiner Unterregion Tikves, wo auch einige der wichtigsten Kellereien beheimatet sind. Das kontinentale, trockene Klima sorgt für hohe Temperaturen während des Sommers. An gut 280 Tagen pro Jahr scheint die Sonne, Tendenz steigend. Das lässt die Winzer aber auch den Fluss an ihre Grenzen stossen. Moderne Bewässerungsmethoden sind inzwischen nicht nur nötig, sondern fast überall Realität. Auch die Kellereien sind technisch zunehmend auf dem neuesten Stand, die Önologen bestens ausgebildet und international erfahren. Gesamthaft werden rund 91 Millionen Liter Wein abgefüllt. Der Anteil an Flaschenweinen liegt aktuell bei erst 40 Prozent, glücklicherweise mit steigendem Anteil. 85 Prozent der Weine werden exportiert.

Die Macher

Es sind im Moment die grossen Weingüter, die im Land den Takt vorgeben. Kellereien wie Tikves Winery, Bovin, Dalvina oder Stobi beschäftigen sich intensiv mit veränderten Klimadaten, biologischem Anbau, autochthonen Rebsorten, neue Märkten, Trends und der Pflege von Traditionen und natürlich der Zukunft der Leitsorte Vranec.

Château Kamnik Skopje

Im Jahr 2004 gegründet, baut das Gut auf insgesamt 13 Hektar vor allem internationale Sorten an. Zahlreiche Erfolge bei internationalen Weinprämierungen. Produzierte 2017 aus Grenache Blanc den ersten mazedonischen Orangewine.

www.chateaukamnik.com

Tikves Winery Skopje

Tikves ist nicht nur der Name des wichtigsten Anbaugebietes, sondern auch der Name des wahrscheinlich wichtigsten Weinguts der Region. Bereits 1885 gegründet, steht Tikves für Innovation und konsequentes Qualitätsdenken im nordmazedonischen Weinbau.

www.tikves.com.mk

Stobi Winery Gradsko

In den umliegenden Weinbergen, welche zum Teil die Überreste der gleichnamigen antiken Stadt Stobi bedecken, wachsen Vranec, Zhilavka, Zhupljanka und Rkaciteli, aber auch Cabernet und Merlot in bester Qualität.

www.stobiwinery.mk

Bovin Winery Negotino

Das in Negotino, einer Teilregion des Bezirks Tikves, liegende Weingut Bovin gilt als das erste privat gebaute Weingut in Nordmazedonien und besitzt 60 Hektar eigene Rebberge, auf denen neben dem wichtigen Vranec auch internationale Rebsorten angebaut werden.

www.bovin.com.mk

Skovin Winery Skopje

Das Weingut Skovin wurde 1979 in Skopje gegründet und ist eines der wichtigsten Weingüter der Region. An den Hängen des Vodno, dem Hausberg der Hauptstadt Skopje, werden vor allem internationale Sorten und natürlich die Nationalsorte Vranec angebaut.

www.skovin.mk

Ezemit Winery Stip

Hier wird <international> grossgeschrieben. Die meisten Weine des Hauses werden exportiert. Viel Wert wird hier auf Handarbeit und der Pflege regionaler Rebsorten gelegt.

www.ezemitvino.mk

Dalvina Winery Strumica

Eines der innovativsten und technisch auf neuestem Stand befindlichen Weingüter Nordmazedoniens.

Hier stehen heimische Sorten in der Poleposition, und die Vinifikation und der Ausbau in Amphoren sind hier schon seit einigen Jahren fest im Programm.

www.dalvina.com.mk

Popov Winery Sopot Kumanovo

Nach nordmazedonischen Massstäben eher kleines familiengeführtes Weingut im Zentrum der Weinbauregion Tikves mit gut 45 Hektaren Rebfläche und mehrheitlich regionalen Sorten wie Vranec, Temjanika und Zhilavka.

www.popvwinery.com.mk

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