Exportschlager mit langer Geschichte

Renaissance des Vintage Ports

Text: Axel Probst; Fotos: gettyimages / Neorodan / Tiago Fernandez, z.V.g.

Vintage Port ist in der Weinwelt immer noch unterbewertet. Das liegt wohl zum einen am etwas anspruchsvolleren Vokabular beim Portwein und zum anderen an der fehlenden Verfügbarkeit von hochwertigen Flaschen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. England hat sich in den letzten Jahrzehnten als europäischer Umschlagplatz entwickelt. Durch den Brexit gibt es allerdings gute Chancen, in den nächsten Jahren höhere Zuteilungen von der Insel auf den Kontinent zu verlagern.

Es ist dunkel, das Kaminfeuer prasselt, draussen fünf Grad und Regen. Am ausschliesslich mit älteren Männern besetzten Tisch herrscht eine rege Diskussion um die Wahl des nächsten Premiers. Der weissbehandschuhte Butler betritt den Raum, entkorkt und dekantiert den Vintage Port. Danach gibt es allerlei komische förmliche Riten rund um den Genuss dieses mystischen Weines. So oder so ähnlich stellt man sich immer noch die Atmosphäre vor, wenn Portwein gereicht wird. Wahlweise könnte es auch der Bridgeabend älterer Damen sein. Was bleibt, ist ein recht verstaubtes Image, das die Portwein-Welt auch lange gepflegt hat.

Portwein-Cocktails für jüngere Weinfreunde

Doch spätestens seit der Einführung des Rosé-Ports und der verstärkten Nutzung von Portwein für Cocktails hat sich dieses Image definitiv zugunsten jüngerer Weinfreunde verschoben. Weiterhin werden allerlei höchst strikte Gesetze wie die Eintrittsbarrieren für Hersteller gelockert, und die bislang eiserne Regel «Drei Mal pro Dekade» für die Deklarierung von Vintage Port gilt auch seit der Jahrtausend-Wende nicht mehr. Vermehrt ist junges Winzerblut mit der Herstellung der Portweine betraut – dadurch wird Port frischer und einfacher. Im Weiteren wird Vintage Port vermehrt jung getrunken. Benötigte man früher noch «Messer und Gabel» bei einer Vintage-Port-Fassprobenverkostung, machen diese Weine jung heute viel Spass. Sie sind ausbalancierter, ohne dabei ihr atemberaubendes Alterungspotenzial einzubüssen – die letzten zwei Topjahrgänge 2011 und 2017 sind Paradebeispiele dafür. Doch obwohl das Publikum jünger und Portwein häufiger zu partyähnlichen Anlässen getrunken wird, verschiebt sich die Statistik in den letzten Jahren klar zugunsten der sogenannten «Special Category Ports», Port wird nicht mehr so viel, dafür aber in höheren Qualitäten getrunken. Die «Entry Level»-Portweine sind auf dem Rückzug.

Exportschlager mit langer Geschichte

Dabei blickt Portwein auf eine lange und komplexe Geschichte zurück. So wurde Port von den Engländern «erfunden», da man mit dem vinophilen Hoflieferant Frankreich über die Jahrhunderte zum Teil jahrzehntelange Konflikte austrug und der Weinimport dadurch unmöglich wurde. Da zwischen dem Vereinigten Königreich und Portugal schon jahrhundertealte Wirtschaftspakte bestanden, wurde man schnell im Douro-Tal fündig und war mit der Weinqualität mehr als zufrieden. Allerdings litten bei den langen Transportwegen – die aufgrund von Flauten noch länger dauern konnten – und der Trinkfreudigkeit der Seeleute die Qualität und die Menge des in England ankommenden Weines stark.

Mit der «Fortification» (der Beigabe von Branntwein) wurde daher bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts experimentiert, so dass 1678 die erste Zollregistrierung des Vinho do Porto und im frühen 18. Jahrhundert regelmässige Portweinlieferungen nach England eingetragen wurden. Ende des 18. Jahrhunderts kamen dann die ersten Vintage Ports auf dem Seeweg nach England. Sie hatten wohl wenig mit den heutigen Abfüllungen gemeinsam, doch wurde durch die Spitzen-Jahrgänge 1811 (Kometenjahrgang) und 1815 (Waterloo-Jahrgang) eine Wahrnehmung guter Jahrgänge erzielt, die dann besser und teurer verkauft werden konnten. Zwischen 1815 und 1822 siedelten sich verstärkt englische Produzenten im Douro-Tal an, um die gesamte Wertschöpfungskette zu kontrollieren (vom Weinberg bis zum Verkauf).

Namen wie Fonseca und Cockburn (gegründet 1815) oder Graham’s (1820) erschienen auf Fässern und verstärkten den Trend, dass seit dieser Zeit nicht mehr nur nach Portwein, sondern nach Portwein von gewissen Herstellern gefragt wurde. Der Rest des 19. Jahrhunderts war dann von zunächst stark zunehmenden Mengen und Qualitäten geprägt, bis in den 1850ern erst der Mehltau teilweise ganze Ernten vernichtete und dann rund zehn Jahre später die Reblaus die Weinberge komplett verwüstete. Erst im frühen 20. Jahrhundert erholten sich die meisten Hersteller komplett davon und konnten nun mit grossartigen Jahrgängen aufwarten: 1900, 1904, 1908, 1912, 1920, 1922 und 1927 sind Musterbeispiele von heute atemberaubenden Vintage Ports.

Spitzenjahrgänge 1963 und 1966 für Vintage Ports

Die beiden Weltkriege trafen die Portweinhersteller hart, da sowohl die Seewege unsicher waren als auch (leere) Flaschen nicht unbegrenzt zur Verfügung standen. So manche 1942er oder 1945er Vintage Ports wurden daher in verschiedene (weil gerade verfügbare) Flaschenformen abgefüllt. Während die 1940er Jahre eine ganze Reihe von Topjahrgängen hervorbrachten (1942, 1945, 1947 und 1948), gab es mit 1955 in der nachfolgenden Dekade nur einen einzigen. Die Jahre 1960 bis 1969 sind wohl die beste Dekade des 20. Jahrhunderts. Mit den beiden Spitzenjahrgängen 1963 und 1966, aber auch sehr guten 1960er, 1965er und 1967er Vintage Ports wurden hier zur damaligen Zeit nicht nur grossartige Qualitäten, sondern auch erstmals mit einigen 10’000 Flaschen grössere Mengen abgefüllt.

Die 1970er und 1980er Jahre waren recht uneinheitlich. 1970 wurde wohl der für lange Zeit letzte einheitlich grosse Jahrgang bis 1994 produziert. Die sehr guten Folgejahrgänge 1997, 2000, 2003, 2011 und die jüngste Trilogie 2015, 2016 und 2017 haben zu einer grossen Beachtung der Portweine in der Weinwelt geführt. Auch 2018 wurden viele Vintage Ports abgefüllt, wobei dieser Jahrgang nicht ganz so gut wie die drei Vorangegangenen ist.

Als man sich noch auf die «Drei-Mal-pro-Dekade»-Deklaration einigermassen verlassen konnte, musste man einfach ein grosses Jahr mit einem renommierten Hersteller verbinden und hatte einen grossen Vintage Port. Diese Zeiten sind nun vorbei, es wird komplizierter.

Portwein als Investment

Langer Atem oder schneller Gewinn?

Das Preisniveau bei den hochwertigen Portweinen hat in den letzten Jahren enorm angezogen. Und es wird noch weiter steigen, da immer mehr Weinliebhaber und Investoren das Potenzial der gereiften Vintage Ports (und Colheitas) erkennen. Im Weiteren werden diese Portweine in recht überschaubaren Mengen und nur alle paar Jahre abgefüllt. Es trifft also eine immer grössere Nachfrage auf eine überschaubare Menge hochqualitativen Weins. Zu beachten ist hier, dass sich nur (!) die Vintage Ports als Investment eignen, da fast alle anderen Portweine zum direkten Verbrauch abgefüllt werden.

Lange Reifezeiten haben Einfluss auf den Preis

Allerdings benötigt man bei Vintage Ports einen recht langen Atem bzw. den richtigen Zeitpunkt, wenn man auf Gewinnmaximierung aus ist. Betrachtet man die grossen Jahrgänge und Preisentwicklungen genauer, dann ergibt sich am Beispiel der Niepoort-Vintage-Ports folgendes Bild: Der Niepoort-Vintage-Port 2017 hat bei der Markteinführung rund 85 Euro gekostet. Zur gleichen Zeit wurden ältere grosse Jahrgänge von Niepoort mit ähnlich hohem Qualitätsniveau, wie beispielsweise 2000 und 2003, für geringere Preise angeboten. Da Vintage Ports aus grossen Jahrgängen erst nach drei bis vier Jahrzehnten ihr optimales Trinkfenster erreichen, hat diese lange Reifezeit auch Einfluss auf den Preis bzw. die Preisentwicklung.

Während für den Vintage Port 1977 heute die Auktionszuschläge bei ungefähr 150 bis 200 Euro erfolgen, muss man für den Jahrgang 1970 fast doppelt so viel bezahlen. Richtig teuer werden dann die älteren Jahrgänge wie 1955 oder 1945 mit bereits vierstelligen Preisen.

In den 1990ern ist die Qualität über alle Hersteller hinweg sehr viel besser als in der Dekade davor – gerade durch die zwei Spitzenjahre 1994 und 1997. Jedoch ist im Jahrgang 1994 das Preisniveau bereits sehr hoch und wird erst in zehn bis zwanzig Jahren weiter anziehen. Für eine kurzfristige Gewinnmitnahme sind Investitionen in diese Jahrgänge nicht sinnvoll. Meist rücken diese Jahrgänge erst wieder in den Fokus der Weinliebhaber, wenn sie ihr optimales Trinkfenster erreichen, also bei den grossen Häusern zwischen 2025 und 2030.

Bei den jüngeren Topjahrgängen bin ich ein grosser Fan des Jahrgangs 2000, der nicht üppig ist, sondern durch eine ausgeprägte Balance und Finesse überzeugt. Stilistisch völlig anders ist der Jahrgang 2003. Bei den Fassproben musste man damals «Messer und Gabel» verwenden, so konzentriert und tanninhaltig zeigten sich die Vintage Ports dieses sehr heissen Jahrgangs im jungen Stadium. Für mich ist es der Jahrgang mit der höchsten Lebenserwartung. Beide Jahrgänge sind nur bei sehr langfristiger Investitionsabsicht eine Kaufempfehlung.

Es ist immer hilfreich, einen Portwein zu kaufen, den man als Portweinfan auch gerne selbst trinken möchte. Wenn Sie bereits Erfahrung in der Verkostung hochwertiger Portweine haben, lassen Sie sich am besten durch Ihren Gaumen leiten. Der grösste Vorteil einer Wertanlage in (Port)Wein ist, dass man bei einer Wirtschaftskrise in den Weinkeller geht und den Portwein dann eben mit viel(en) Freu(n)de(n) trinkt.

Derzeitiges Preisniveau der Top-Vintage-Port-Jahrgänge von Niepoort:

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