VINUM-Profipanel | Top of Spain: Weiss

Von Profis verkostet: Spanische Weissweine

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Pollari

In Spanien findet eine Revolution statt! Jahrzehntelang prägte das Weinland mit würzig-reifen roten Reservas und Gran Reservas sowie opulenten roten Autorenweinen die Weltmärkte. Doch jetzt schlägt die Stunde der weissen Spitzen-Crus! Trotz Klimaerwärmung haben sie kontinuierlich an mineralisch anmutender Frische zugelegt und agieren auf Augenhöhe mit Topgewächsen aus dem Burgund. Verblüffend auch: Während viele rote Topweine noch immer merklich vom Eichenholz geprägt sind, spielt dieses bei weissen Spitzenweinen in höchst gekonnter Weise eine zur Komplexität beitragende Nebenrolle!

Das El Dorado der weissen Topwein-Szene in Spanien heisst Katalonien. Dies ist das Fazit des VINUM-Profipanels mit ausgewählten Spitzengewächsen aus ganz Spanien. So kommen von den «Top Ten»-Weinen nicht weniger als vier aus Katalonien. Und auch was die Vielfalt der Weine anbelangt, kann es keine andere Region mit den Katalanen aufnehmen. So ist der Gewinner dieser Verkostung, der Tros Blanc Saleres von Alfredo Arribas, der ein international renommierter Architekt und Designer war, bevor er Winzer wurde, ein reinsortiger Garnacha Blanca (Grenache Blanc) von über 70-jährigen Reben. Auf Platz zwei folgt mit fast gleicher Punktzahl ein weiterer Katalane: der Vinya dels Taus Nun von Eric Soler. Bei diesem Wein handelt es sich um einen reinsortigen Xarello, ebenfalls von fast 70-jährigen Reben. Beiden Sorten wird in der einschlägigen Literatur generell ein eher mittelmässiges Qualitätspotenzial zugeschrieben. Beim VINUM-Panel aber zeigten sie Weltklasse-Niveau und erreichten 19 Punkte. Es ist die Verbindung von sehr alten Reben und einem kompromisslos qualitätsorientiert agierenden Winzer, der solche Wunder möglich macht.

Noch vor 50 Jahren war Spanien, ganz im Gegensatz zu Frankreich, im Export fast nur mit seinen Rotweinen präsent, etwa den Reservas und Gran Reservas aus Rioja oder einzelnen Ausnahmeweinen wie jenen von Vega Sicilia. Die einzigen renommierten Weissweine zu jener Zeit waren die alkoholverstärkten Sherrys aus Andalusien. Erstdie Albariños aus den Rías Baixas bewiesen mit Rasse und feinem Fruchtschmelz, dass Spanien in Bezug auf Weissweine doch mehr zu bieten hat. Ab den 80er Jahren begann dann das Rueda- Weinwunder auf der Basis der Sorte Verdejo. Der Boom der Weissen aus Rías Baixas und Rueda fusst bis heute auf unkompliziert trinkig-frischen Weinen, die im Stahltank vinifiziert werden. Erst seit 20 Jahren sorgen vermehrt hochkarätige Selektionen von alten Rebbeständen, die behutsam in Holz (zumeist grösseren Gebinden) oder Amphoren ausgebaut werden, für Furore.

Trotz Klimaerwärmung immer frischer!

Es ist heute fast als glücklicher Umstand zu werten, dass die internationalen weissen Leitsorten in Spanien kaum eine nennenswerte Verbreitung gefunden haben. Spanien hatte sich während des bis 1975 dauernden Franco-Regimes sehr lange Zeit in verschiedensten Bereichen von Europa abgeschottet, was auch den Weinbau betraf. So hinterliess der Siegeszug der französischen An- und Ausbau-Philosophie hier weniger Spuren als anderswo. Mit prominenten Ausnahmen. So hat die Familie Chivite schon früh bewiesen, dass der Chardonnay in der Region Navarra sehr gut gelingen kann. Und Miguel A. Torres, der in den 60er Jahren im burgundischen Dijon sein Önologiestudium absolviert hatte, führte ab 1964 den Chardonnay in Katalonien ein, er pflanzte ihn auf der Farm Castell de Milmanda in der Subregion Conca de Barberà. Seither hat die Familie Torres ihren Prestige-Chardonnay Milmanda kontinuierlich weiterentwickelt, heute besticht er durch seinen burgundisch-filigranen Charakter.

Milmanda - der beste Wein aus internationalen Sorten landete auf Platz zehn

In unserem hochkarätig besetzten Panel landete der Milmanda als der beste Wein aus internationalen Sorten auf Platz zehn. Es scheint auf den ersten Blick unerklärlich, dass gerade jetzt, wo in der internationalen Weinszene heftig über die negativen Konsequenzen der Klimaerwärmung debattiert wird, im vermeintlich heissen spanischen Klima so viele elegante, ja burgundisch inspirierte, filigrane Weine produziert werden. Von den 25 degustierten Weinen haben die zehn Verkoster nicht weniger als 13 Crus ganz klar als frisch und elegant eingestuft. Und auch die eher als opulent charakterisierten Weine wirkten reichhaltig-gehaltvoll und keinesfalls so fett und üppig, wie früher gewisse Neue-Welt-Weissweine daherkamen.

Die Gründe für die stetig zunehmende Frische der spanischen Top-Weissweine sind vielfältig. Viele Weine wachsen in Höhenlagen zwischen 400 und 1000 Metern über Meer. Zudem stecken die glücklicherweise immer noch in grosser Zahl vorhandenen, sehr alten Reben hin und wieder vorkommende Hitze- und Trockenperioden besser weg. Entscheidend sind auch Reberziehung und Erntezeitpunkt. So betonen verschiedene Winzer, dass besonders der biodynamische Anbau dazu beitrage, knackigere Trauben mit höheren Säurewerten zu produzieren. Und im Keller können Maischenstandzeiten dazu beitragen, den Weinen einen Tick mehr phenolischer Frische und Komplexität zu verleihen. Eine äusserst geschickte Hand beweisen die Winzer auch beim Ausbau. Grössere Eichenholzfässer anstelle von Barriques, zunehmend aber auch Ton-Amphoren vermeiden jenes Zuviel an Würze, das sich ebenfalls negativ auf die Trinkigkeit auswirken kann. Während viele rote spanische Flaggschiff-Weine immer noch von deutlicher Eichenholzwürze geprägt scheinen, ist diese bei den 25 weissen Crus dieses Panels so gut wie nie, oder wenn, dann auf sehr verführerisch-elegante Weise, auszumachen. Ja, die Winzer scheinen heute fast schon pedantisch bemüht, jeden vordergründigen Touch von Eichenholzwürze tunlichst zu vermeiden. Und die weisse Revolution geht weiter.

Mit jedem Jahrgang akzentuiert sich das weisse spanische Wunder in neuen Regionen. Rafael Palacios aus der berühmten Rioja-Winzerdynastie hat es seinem Bruder Alvaro überlassen die Geschichte der roten Spitzen-Crus weiter zu schreiben und sich ganz auf Weisswein konzentriert. Mit dem Plácet Valtomelloso (Palacios Remondo) hat er in der Rioja eine starke Referenz gesetzt, um danach im galizischen Valdeorras mit der Sorte Godello Geschichte zu schreiben. Seine Selektionen As Sortes und Sorte O Soro gehören mithin zum Besten, was Spanien an Weissen zu bieten hat.

Immer neue weisse Facetten

Selbst in der Rotwein-Bastion Rioja stehen die Zeichen vermehrt auf Weiss. Schon annähernd zehn Prozent der abgefüllten Weine sind weisse Crus, was vor 20 Jahren noch kaum jemand für möglich gehalten hätte. Angeheizt wird dieser Boom durch die 1988 zufällig entdeckte weisse Mutation des Tempranillo. Ist der Tempranillo Blanco ein Garant für fruchtbetont-ausgewogene Alltagsweine, so basieren Topweine meistens auf Viura (Macabeo). Die lange Zeit als mittelmässig eingestufte Sorte, bringt heute geradezu spektakulär vielschichtige Weine hervor. So jagen Weinfreaks aus aller Welt die weissen Reservas (zehn Jahre Ausbau) und Gran Reservas (20 Jahre Ausbau) des Viña Todonia von López de Heredia. Ja, die Nachfrage ist inzwischen so gewaltig, dass Weinfreunde nur eine Flasche dieser zwei Weine kaufen dürfen, wenn sie im Gegenzug auch eine Kiste des roten Viña Todonia ordern...

Top 3 der verkosteten Weine

RangBeschreibung
1
19,0/ 20
Punkte
Katalonien, Spanien
Alfredo Arribas
2
19,0/ 20
Punkte
Katalonien, Spanien
Enric Soler
3
18,5/ 20
Punkte
La Rioja (Spanien), Spanien
Bodegas R. López de Heredia

Die Jury

Von links nach rechts 

Stefano Paolino Sommelier im «Smith and the Luma» in Zürich
Sein Favorit: Naiades 2014 von Bodegas Naia, Rueda

Paul Liversedge, MW Weinhändler und Autor in Zürich
Sein Favorit: As Sortes 2017 von Bod. Rafael Palacios, Valdeorras

Timothy Magnus Weinhändler in Zürich |
Sein Favorit: Vinya dels Taus Nun 2015 von Eric Soler, Penedès (Katalonien)

Miguel Zamorano Redaktion VINUM in Zürich |
Sein Favorit: Viña Tondonia Reserva weiss 2007 von Bodegas López de Heredia, Rioja

Nicole Harreisser Redaktion VINUM in Zürich |
Ihr Favorit: Naiades 2014 von Bodegas Naia, Rueda

Mario Aschwanden Weinhändler in Zürich |
Sein Favorit: Tros Blanc Saleres 2014 von Alfredo Arribas, Montsant (Katalonien)

Mats van de Steenoven Sommelier und Weinhändler in Luzern |
Sein Favorit: Pedra de Guix von Terroir Al Limit, Priorat (Katalonien)

Roger Graf Weinhändler in Zürich |
Sein Favorit: Tros Blanc Saleres 2014 von Alfredo Arribas, Montsant (Katalonien)

Thomas Vaterlaus Chefredakteur VINUM in Zürich
Sein Favorit: Pedra de Guix von Terroir Al Limit, Priorat (Katalonien)

Stefan Iseli Sommelier und Gastgeber in Zürich |
Sein Favorit: Chardonnay Milmanda 2017 von Miguel Torres, Conca de Barberà (Katalonien)

«Eine im sehr positiven Sinne überraschende Verkostung. Zum einen wegen des hohen Qualitätsniveaus. Ich habe 16 der 25 Weine mit mehr als 17 Punkten bewertet. Interessant war auch die stilistische Vielfalt mit rieslingähnlichen Weinen mit jugendlicher Intensität und vibrierender Säure aus dem Nordwesten und mit im Gegensatz dazu ausgereiften, sehr komplexen und tiefgründigen Weine mit nussigen Aromen aus der Rioja.»

Paul Liversedge, MW Weinhändler und Journalist, Stallikon

«Spanish white? Yes!! Es ist schon fast ein Wunder, wie das Rotweinland Spanien in den letzten zehn Jahren zu einem Weissweinland geworden ist. Und was für eines! Dieses Panel vereint Weine auf höchstem Niveau, und vielen Crus kann man tatsächlich burgundische Qualitäten zuschreiben, denn sie sind extrem spannend, extrem lebendig und oft in sehr positiver Weise eigenständig, ja manchmal sogar extravagant.» 

Stefan Iseli Sommelier und Gastgeber, Zürich

«Die oft gehörte Gleichung ‹Warmes Klima – üppige Weine› trifft auf die spanischen Weissweine heute nicht mehr zu. Auch die opulenten Weine waren im Grunde nicht fett, sondern eher komplex und tiefgründig. Sehr gekonnt agieren die Winzer heute bezüglich Holzausbau. Ich empfand die Probe letztlich als hochkarätige Begegnung zwischen Opulenz und Eleganz, wobei für mich die eleganten Vertreter die Gewinner waren.»

Stefano Paolino Sommelier bei «Smith and de Luma», Zürich

«Das Qualitätslevel über das Land hinweg ist verblüffend. Doch obwohl aus verschiedenen Sorten gekeltert und in unterschiedlichen Terroirs gereift, zeigen die spanischen Weissen doch Gemeinsamkeiten. Etwa jene elegante Fülle, wohl basierend auf ähnlichen Praktiken in der Vinifikation, vor allem was den Ausbau im Holz anbelangt, und insbesondere der Reifung auf den Hefen. Fast keine Weine waren von Reduktion geprägt.» 

Mats van de Steenoven Sommelier und Weinhändler, Luzern

«Obwohl auch jugendlich-frische Weine vertreten waren, fand ich jene Gewächse am spannendsten, die jahrelang im Holz gereift sind. In verblüffender Weise verleiht dieser langwierige Ausbau gerade den Weissweinen eine zusätzliche Dimension. Es ist eine eigene, faszinierende Welt, die sich einem da eröffnet. Die oxidativ-holzwürzigen Noten verleihen diesen Crus einen höchst eigenständigen, salzig-trockenen, subtilen Charakter.»

Mario Aschwanden Weinhändler, Zürich

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