Visionär des Grand Vin

Jean-Michel Deiss

Text und Fotos: André Dominé

Alles zu hinterfragen, ist eine Stärke. Unbequem für einen selbst, denn man muss eigene Wege finden. Unbequem für andere, an deren Selbstverständnis man rüttelt. Dazu braucht es Mut. Dann öffnen sich neue Perspektiven. Mit Blick in die Vergangenheit und Vertrauen in die Zukunft hat Jean-Michel Deiss sein Ziel erreicht: grosse Weine Wirklichkeit werden zu lassen.

Am Memorial Hill 351 erwiesen amerikanische Soldaten ihren gefallenen Kollegen die Ehre, als mich Jean-Michel Deiss bis zum Rand des Parkplatzes führte. «Die Grenze des Königreichs», kommentierte er und wies nach links auf den Grand Cru Marckrain und nach rechts auf den Grand Cru Mambourg. «Siehst du da unten die Kapelle und das Dreieck dort? Das ist das Lügenfeld. Dort haben die Enkel von Karl dem Großen einen Konflikt mit ihrem Vater Ludwig dem Frommen organisiert und 833 Europa unter sich aufgeteilt.» Weinlagen befinden sich nicht im leeren Raum. Schon gar nicht im Elsass. Kennt man die Geschichte wie Jean-Michel Deiss, stellt sich sofort ein ganz anderer Bezug zu ihnen her.

Im Mambourg erzählt er eine amüsante Geschichte von einer der ältesten Weinbeschreibungen überhaupt. 775, also 25 Jahre vor der Krönung Karls des Großen, habe man einen kleinen Mönch am Karfreitag vor der Messe in flagranti erwischt. Katastrophe, denn der Père Abbé (Pater) symbolisiert den Himmel. Alle waren bestürzt. Man brachte ihn vor den Bischof. Dort – grosse Überraschung – verteidigte er sich. Er würde sieben Messen am Tag lesen, immer mit dem Mambourg. Der Wein sei so voll, so kräftig, so sphärisch, so warm, so gross wie ein Falerner. Dieser Wein sei so extraordinär, dass er nicht mehr wisse, was über ihn gekommen sei. «Stellt sich die Frage», sagt Jean-Michel, «ob wir später bei der taktilen Verkostung diesen Charakter wiederfinden werden? Wenn wir ihn wiederfinden, besagt dies, dass die Stimme des Ortes nicht das Objekt einer Sortenwahl, einer Technologie, einer Epoche, einer Vision oder eines Stils war, sondern dass etwas viel Profunderes, Inkarniertes, Varginales spricht, das die Stimme selbst des Ortes wäre, die unseren Ansichten, Technologien, Epochen entgeht und sehr viel weiter ginge.»

 

Die Parzelle im nahen Schlossberg ist Wahnsinn. Granitverwitterungsboden. «Der ganze Hang wurde gesiebt, um den Sand von den kleinen und grossen Steinen zu trennen», berichtet Jean-Michel. «Mit den grossen wurden Mauern gebaut. Dahinter hat man etwa 1,20 Meter mit den ganz kleinen Steinen. Und dann gibt es nicht einen einzigen Stein bis zur nächsten Mauer. Eine unglaubliche Arbeit. Und das an einem so armen, so mineralischen, so desolaten Ort. Das hier gemacht zu haben, dazu brauchte es Glauben.» Alles musste herangetragen werden. Ertrag viermal geringer als weiter unten. Warum? Es entsprach der mittelalterlichen Vorstellung: Wenn du dich am Hang abplagst und Busse leistest, erfährst du Gerechtigkeit. Deshalb bewegte sich der Weinbau die Hänge hinauf. «Diese Mauern hier sind tausend Jahre alt. Für mich ist es sehr wichtig, hier zu sein, hart zu arbeiten, einen grossen Wein zu erhoffen, sein Modell zu verstehen, seine Inspiration », betont Jean-Michel. Er hat viele solcher Parzellen übernommen, die Pflanzdichte erhöht, die Erträge pro Rebstock reduziert. So reifen die Trauben früher und bewahren Säure. Er scheut keinen Aufwand, um einen Grand Vin zu erzeugen.

Von der Vergangenheit in die Zukunft

1984 konnte Deiss acht Hektar aus dem Nachlass des angesehenen Händlers Marcel Preiss übernehmen, darunter eine nach dem Krieg gepflanzte Parzelle des Grand Cru Schoenebourg, direkt oberhalb von Riquewihr. Riesling, hiess es. Zu seiner Verwunderung lieferte dieser Weingarten drei Jahre hintereinander fast die gleichen Erträge und immer hervorragende Trauben. Als er sich ihn daraufhin ganz genau besah, stellte er fest, dass darin verschiedene Sorten mit Riesling gemischt worden waren, darunter mehrere unbekannte. Eine Offenbarung. Denn früher – oft noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts – waren praktisch alle Weingärten gemischt bepflanzt. Complanté.

«Ein wenig Weisser im Roten, ein wenig Roter im Weissen, das ist der Anfang der Zivilisation.»

So beugten die Winzer den Jahrgangsunterschieden vor. Die Gemeinschaft der Reben erwies sich in jeder Hinsicht als widerstandsfähiger. Jean-Michel war immer stärker davon überzeugt, dass die Complantation es dem Terroir erlaubt, das Sortenprofil zu dominieren, seinen eigenen Charakter hervorzukehren. Und er zog die Konsequenz: 1990 bepflanzte er den ersten modernen Weinberg des Elsass mit einem ungeordneten Mischsatz, und zwar den Grand Cru Altenberg de Bergheim. Folglich gab es keine Sortenangabe mehr auf dem Etikett. Unzweifelhafter Hinweis auf das Terroir. Entgegen allen Vorschriften ging er unbeirrt seinen Weg. Nach und nach wurde jeder seiner Weinberge in einen Mischsatz verwandelt. 2000 konnte er einen Weinberg übernehmen, in dem alle alten vergessenen Waisen-Sorten wuchsen. Inzwischen enthält sein eigenes Reben-Konservatorium fast 70 verschiedene Sorten, die ihm die Propfreiser für Neupflanzungen liefern. «Ich bin dabei, vergessene Sorten wieder zu integrieren. Sie sind interessant und ziemlich rustikal. Natürlich setze ich auch etwas Pinot und andere. Das zentrale Herz bleibt der Riesling und darum die Satelliten. Ich versuche ein Gleichgewicht herzustellen. Ich könnte nicht mit mir allein leben, wir zwei würden uns ständig streiten», scherzt er.

Auf Biodynamie hat er ab 2011 mit François Bouchet umgestellt und praktiziert seither eine Rebkultur des Lebendigen. Ihm verdankt er einen unvergleichlichen Zugang zu den Reben. Damals hatte er nur einen Weingarten im Burlenberg, der ihn aber immer enttäuschte, worauf er Bouchet ansprach. Der wollte von ihm wissen, was er machen würde, wenn er zu dieser Parzelle käme. «‹Ich beginne zu arbeiten›, erwiderte ich ihm, ‹bis ich damit fertig bin.› ‹Hören Sie, Jean-Michel›, sagte er, ‹sie ist einfach eifersüchtig. Beginnen Sie mit ihr und Sie werden sehen.› Mit ihr zu beginnen, das hat mir unglaubliche Trauben beschert», gesteht Jean-Michel und fügt später hinzu: «Ein Rebgarten versteht dich sofort. Also kann man ihn nur ermutigen. So läuft das.»

 

Das Terroir bewegt sich

Schon seit 30 Jahren nimmt Deiss den Klimawandel wahr und agiert dagegen. Bereits damals setzte er als Gegenmassnahme niedrige, nur 1,10 Meter hohe Stöcke in den Grand Cru Mambourg mit seiner Südlage. Ein Beispiel liefert der imposante Grand Cru Altenberg, ebenfalls nach Süden ausgerichtet. «Ein befremdliches Terroir, das immer Weine mit Botrytis ergab», erläutert er, «aber seit einigen Jahren nicht mehr.» Wenn das die Typologie des Weins, die also nicht an die Edelfäule gebunden ist, auch nicht verändert, das Terroir aber ändert sich. «Was faszinierend beim Terroir ist, es ist nicht unbeweglich, es ist ständig in Bewegung. Es bewegt sich mit dem Klima, den Menschen, den Geschmäckern, wie die ganze Welt sich bewegt», konstatiert er. «Ich nehme heute wahr, dass es ein Irrtum ist, den Ausdruck eines Terroirs durch einen festgelegten juristischen Text zu garantieren.» Das würde bedeuten, jemanden einzusperren, sogar ihm das Recht abzusprechen, sich zu entwickeln, zu wachsen, alt zu werden. Er müsse so bleiben, wie man ihn fotografierte und in die Schublade tat. Wenn man ein Komma verändern wolle, bräuchte es 30 Jahre. «In 30 Jahren ist es zu spät. Man muss Bewegung hineinbringen, Leben! Wir kämpfen um ein Minimum, dass die Sensibilität des Winzers durch den Text geschützt wird, so gut wie der Rest.» Er träumt davon, mit einem berühmten Kollegen, zum Beispiel aus der Bourgogne, ein Terroir zu tauschen. Jeder übernimmt die Hälfte einer Parzelle und macht davon seinen Wein im Keller des Kollegen. Keine Frage: Die Weine würden völlig anders sein und wunderbar – oder schockierend, je nach Standpunkt – die Bedeutung des Winzers für das Terroir unterstreichen.

Die Sprache der Terroirs

Um den wahren Charakter seiner Weine zu erfahren, empfiehlt Jean-Michel Deiss die geosensorielle Degustation, bei der der taktile Eindruck, das Mundgefühl, im Vordergrund steht.

Langenbach 2020

17 Punkte | 2023 bis 2025

Steile, nach Süden ausgerichtete Hanglage in Terrassen mit stark verwittertem Granit. Mischsatz von den Pinots Blanc, Gris, Noir, Riesling und fünf weiteren Sorten. Spitz, vertikal mit viel Spannung, sehr mundwässernd, salzig, trocken, fruchtig und belebend.

Grasberg 2018

17.5 Punkte | 2023 bis 2040

Nordlage auf 340 Metern Höhe, karger Kalk fossilienreicher Eiersteine (Oolith). Mischsatz von Riesling, Pinots und Gewürztraminer. Wirkt hell, kühl, lebendig, dabei sehr ausladend, dichte mundwässernde Textur, leicht salzig, verblüffende Länge mit kandierten Zitrusfrüchten, demi-sec, viel Potenzial.

Burlenberg 2019

17.5 Punkte | 2023 bis 2035

Kiesiger Kalkboden wie an der Côte de Nuits. Mischsatz von Pinot Noir mit den Pinots Beurot, Meunier, Blanc und Gris. Eindruck von Dunkelheit, intensiver Wärme und Volumen, dabei kalkige Spannung, mundwässernd, kraftvoll, feinkörnig, enorme Ausdauer mit grosser Präsenz.

Grand Cru Schlossberg 2020

18.5 Punkte | 2025 bis 2040

Uralte Terrassen in südlicher Hanglage, sandiger, magerer Granitboden. Riesling mit etwas Pinot Gris und Muscat. Leuchtender Eindruck, vertikal, vibrierend, mundwässernd, ausgesprochen mineralisch, steinig, dabei reizvolle Fülle, höchst präzise und stimulierend.

Grand Cru Mambourg 2019

18.5 Punkte | 2025 bis 2045

Frühzeitigster Rebhang im Elsass mit Rollkieseln aus dem Kalk des Oligozäns über Sigolsheim. Mischsatz aus diversen Pinots. Sehr warm, breit, ölig, voll, konzentriert, sphärisch, mundwässernd, enorme Energie, nah an der Schilderung von 775 (siehe Text)!

Grand Cru Schoenenburg 2017

19.5 Punkte | 2027 bis 2060

Oberhalb von Riquewihr in steiler Südlage. Mergel des Keuper und schwefelreicher Gips. Mischsatz von altem Riesling mit allen elsässischen Sorten. Wirkt anfangs dunkel und schwer, zeigt sich dann höchst intensiv, säurebetont, ausladend, geballt, profund, mineralisch, in die Zukunft zielend. Sozusagen «Der Isenheimer Altar» in Flaschen.

Gewinnspiel

VINUM verlost diesmal zwei Flaschen Grand Cru Altenberg 2017, exklusiv signiert von der Winzerlegende Jean-Michel Deiss.
Teilnahme unter:

www.vinum.eu/deiss

Teilnahmeschluss: 20. Dezember 2023

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