Vitalies Geheimnis um Champagne Taittinger

Das Champagner Start-Up

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 16. November 2019


FRANKREICH (Reims) – Sie sind eine starke Truppe, der extrovertierte Philanthrop Pierre-Emmanuel, Sohn Clovis und Tochter Vitalie Taittinger. Alle drei präsentieren heute eines der letzten großen Häuser der Champagne, in denen eine Familie das Sagen hat. Beinahe wäre diese Tradition, als das Unternehmen wegen Erbstreitigkeiten verkauft werden musste und ein Jahr lang in fremde Hände geriet, zu Ende gewesen. Aber Pierre-Emmanuel Taittinger hat sich über alle Maßen engagiert und mit Hilfe der Crédit Agricole du Nord-Est sein Champagnerhaus für 660 Millionen Euro zurückgekauft. Dabei war auch Glück im Spiel, denn die amerikanische Aktiengesellschaft Starwood, eines der weltweit größten Hotel- und Freizeitunternehmen, hatte lediglich den Hotelbereich der vormaligen Taittinger-Gruppe, zu der neben dem berühmten Hôtel de Crillon unter anderen auch Bouvet-Ladubay, Baccarat und der Edelparfumeur Annick Goutal gehörten, übernommen, war aber letztlich nicht an Champagne Taittinger interessiert. 

Wer denkt, dass es in traditionellen Betrieben staubig zugeht, der täuscht sich gewaltig. Clovis und Vitalie bringen seit Ende letzter Dekade frischen Wind ins Unternehmen, was sich bis in einzelne Champagner fortsetzt. Und Pierre-Emmanuel Taittinger, stolzer Vater und Retter seines Betriebes, zieht immer noch jeden in seinen Bann, der ihm zuhört. Aber es ist das Geschwistergespann Vitalie, sie als Markenbotschafterin das Gesicht des Unternehmens und Bruder Clobis, verantwortlich für den Vertrieb, die heute ein modernisiertes Familienunternehmen führen. Beide repräsentieren den Familienspirit auf erfrischende Weise. Dabei wirkt das über 300 Jahre alte Unternehmen eher wie ein Start-Up. Es ist vor allem Vitalie, die vor 12 Jahren ins Unternehmen eintrat, die neue und aufregende Möglichkeiten erschloss, das Team stetig fordert und innovative Ideen umsetzt.

 

Im Gespräch mit Vitalie Taittinger

Taittinger ist auf dem Weg zu neuem Glanz. Wie sieht ein normaler Tag bei ihnen aus?

In enger Zusammenarbeit mit meinem Vater und meinem Bruder verbringen wir neben unserer normalen Arbeit die Tage damit, uns die Zukunft von Champagne Taittinger vorzustellen. Ansonsten gibt es Tage, wo Termin auf Termin folgt. Daneben muss ich mich um unsere Mitarbeiter kümmern, habe ein Gespräch über Kunst oder treffe mich mit dem Designer. Es sind stets viele Dinge zu erledigen, wobei ich versuche ein Gleichgewicht zu finden, was mir nicht immer leicht fällt.

Sie haben einen Hintergrund zur bildenden Kunst. Wie wirkt sich das auf ihren Job aus?

Wer Kunst studiert, der studiert auch Meinungsfreiheit, lernt Werte und Authentizität zu verstehen. Alles und jedes ist nützlich und genau da ist er, der Bogen zu Marketing und Kommunikation. Ich lernte bei den künstlerischen Arbeiten eigene Wege zu gehen, was viel besser ist, als Wege anderer zu kopieren. In meinem heutigen Job halte ich es ebenso. Ich möchte nicht durch Nachahmen besser werden, sondern ich möchte herausfinden, wie ich meine Arbeit im Kontext unserer Tradition und dem Anschluss an die Moderne verbessern kann und das auf unsere eigene Weise. Meine Gedanken kreisen um die Fragen: Sind wir das oder nicht? Sind wir frei genug? Unterscheiden wir uns genug? Ich denke, diese Grundfragen muss sich jeder Familienbetrieb stellen. Allerdings, als ich vor zwölf Jahren ins Unternehmen eintrat, stellte ich mir diese Fragen noch nicht in dieser klaren Form.

Wieso das?

Weil Kunst mein Faible war. Ich wäre gerne Künstlerin geworden. Ich hatte schon eine Akademie gefunden, die auf Kunst spezialisiert war. Ich wollte weiter lernen wie man zeichnet, wie man malt, wie man Skulpturen bildet. In diesem Bereich präzise, anspruchsvoll und frei zu wirken, war mein Ziel. Aber im Leben ändern sich oft die Dinge unverhofft. Es hat mich sehr beeindruckt, dass und wie mein Vater unser Unternehmen zurückkaufte. Es war sein genialer Schachzug. Plötzlich faszinierte mich die Idee, unsere Tradition fortzuführen.

Wie nahm die Familie den Verkauf des Unternehmens auf?

Nun, als wir verkauften wirkte dies wie eine Katastrophe für meinen Vater. Er empfand es als Schande. Es war sehr schwer für ihn, damit umzugehen. Er grämte sich nicht seines Ego wegen, sondern er war der Meinung, es sei nicht fair, die Arbeit zu töten, die von der Familie und den Vorgängern aufgebaut und geführt worden war. Es war eine harte Zeit für ihn, er war sehr traurig und fühlte sich alleingelassen. Mein Bruder und ich versuchten ihn zu trösten und gaben ihm zu verstehen, dass wir an ihn glauben. Ich erinnere mich, dass damals auch bei meinem Bruder und mir gleichermaßen die Überzeugung reifte, wie kostbar unser Unternehmen eigentlich war und wir fingen an, daran zu denken, es wieder zurück haben zu wollen.

Wie kam es zu ihrem Engagement bei Taittinger?

Nachdem mein Vater unser Unternehmen zurückgekauft hatte, ergriff ich die Initiative und fragte an, ob ich mitwirken dürfe. Er reagierte skeptisch. Klar, ich hatte keinen klassischen Hintergrund, der einen Job bei einem Produzenten von Champagner prädestiniert. Auch ich war mir nicht zu 100 Prozent sicher, ob ich den Anforderungen gerecht werden könnte. Dennoch blieb ich hartnäckig und brach schließlich das Zögern meines Vaters. Wir kamen zum Schluss, mich als Beraterin zu beschäftigen. Ich stürzte mich fortan in die Arbeit und nach zwei Jahren hatte ich meinen Vater vollends überzeugt. Danach wurde mir das Marketing und die künstlerische Leitung anvertraut.

Wie reagieren die Kunden auf Sie, die ja ihren charismatischen Vater stets an der Front erlebt haben?

Unsere Befürchtung, dass ich in der Außenwirkung nur als Tochter und mein Bruder nur als Sohn von Pierre-Emmanuel wahrgenommen werden würden, war völlig grundlos. Als Familie sind wir mittlerweile ein sehr gut harmonierendes Team und unsere Kunden werten es sehr positiv, mit uns als Eigentümer persönlich in allen Belangen zu kommunizieren. 

Gibt es ein Geheimnis rund um Champagne Taittinger?

Nicht direkt, eher ein familiäres Geheimnis meinen Bruder und mich betreffend. Es war meine erste Begegnung mit dem Champagner. Ich war noch recht jung, als ich heimlich unseren Champagner probierte. Einige Male, wenn die Gäste verabschiedet wurden, schlichen wir Kinder uns ins Esszimmer und probierten die Reste. Für uns war es ein Rätsel, was das für eine Flüssigkeit war. Sie war lauwarm und schmeckte nicht. Als ich dann 13 Jahre alt war, durfte ich während eines familiären Events erstmals offiziell mit Erlaubnis meines Vaters einen Champagner probieren. Es war ein fantastisches Erlebnis.

Und heute?

Unser Champagner leuchtet, er ist elegant wie eine schöne Frau, sehr attraktiv und lebhaft. Er bringt mich seit Jahren zum Träumen.

 

Die Seele im Champagne Taittinger

Ich verstehe Vitalie Taittinger, wenn sie ihren Champagner derart beschreibt, denn die Harmonie und Eleganz der Schaumweine ist bemerkenswert. In der Verkostung, letztmals dieses Jahr auf der ProWein, wirkten die Schäumer von Champagne Taittinger sanft und doch druckvoll, produziert stets aus gesunden Trauben des Chardonnay gepaart mit schönem Pinot-Charakter und feiner begleitender Fruchtigkeit. Bei der Verkostung erfuhr ich auch, dass die Geschwister Taittinger auf einer Versuchsfläche von wenigen Hektar mit biodynamischen Methoden experimentieren. Das angestrebte Ziel ist zukünftig die Traubenproduktion teilweise auf zertifizierte Biodynamie umzustellen.

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