Dossier: Beaumes-de-Venise

Idyllisch und ursprünglich

Text: Birte Jantzen, Fotos: z.V.g.

Beaumes-de-Venise gehört zu den unbekanntesten Appellationen des südlichen Rhône-Tals. Eingebettet zwischen dem Mont Ventoux und dem Massif Dentelles de Montmirail, ist die Landschaft hügelig und ursprünglich geblieben, durchzogen von Wäldern und Garigue, in denen sich Füchse und Adler tummeln, und geprägt von terrassierten Weinbergen. Ein Paradies für Natur- und Weinliebhaber.

Es gibt viele Dinge, die man in Beaumes-de-Venise geniessen kann: mit heruntergelassenen Fenstern Auto fahren, um den Wind und die Düfte der Garigue zu spüren. Auf einem Hügel Halt machen, um den Blick auf die Dentelles de Montmirail, den Mont Ventoux, die Ausläufer der Alpen oder die sanft hügelige Rhône-Ebene zu geniessen. Die mit Mut und Hingabe bewirtschafteten Weinbergterrassen bewundern. Im entzückenden Dorf Suzette einfach einen Kaffee trinken oder einen kleinen Happen essen. Sich in die süsse Aromenwelt des zu 90 Prozent weissen Muscat de Beaumes-de-Venise verlieben, während man im kunstvoll verwuschelten Garten des Weinguts Domaine des Bernardins verweilt. Mit dem jungen Winzer Théo Xavier vom Weingut Domaine Raboly in philosophischen Gesprächen die Welt neu erfinden, während man die Leichtigkeit seines roten Beaumes-de-Venise geniesst. Unter der sengenden Sonne Südfrankreichs schwitzend bei der Weinlese helfen. Seine Kletterkünste auf dem erstaunlichen Felsen von Rocalinaud austesten. In einer lauen Sommernacht die Milchstrasse bewundern. Die faszinierende Welt der Geologie in Begleitung des Altweisen Georges Truc oder des Weltenbummlers Claude Chabran entdecken. Oder einfach abends in Beaumes-de-Venise eine exzellente Pizza im Restaurant «La Part des Anges» vernaschen, serviert zu einem leckeren Glas Rotwein. Denn was Beaumes-de-Venise so besonders macht, sind die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens, eingerahmt von einer grandiosen Landschaft, einem gemächlichen Rhythmus und dem inspirierenden Duft der Natur. Starwinzer sucht man hier vergeblich. Stattdessen gibt es offene Türen und den Wunsch, eine Weinbaukultur zur Geltung zu bringen, die in Sachen Rotwein den berühmten Nachbar-Appellationen in nichts nachsteht. Und die im südlichen Rôhne-Tal einen einzigartigen Wein produziert: den Muscat de Beaumes-de-Venise, einen weissen Süsswein, gekeltert aus der weissen und schwarzen Rebsorte Muscat à Petits Grains.

Blonde Erde, süsse Traube

Dass gerade die Rebsorte Muscat sich in Beaumes-de-Venise so wohl fühlt, liegt an der ungewöhnlichen Geologie des Massivs der Dentelles de Montmirail, einer Felsenlandschaft, bestehend aus mehreren parallelen, von Südwest nach Nordost ausgerichteten Bergkämmen. Insgesamt treffen im Gebiet von Beaumes-de-Venise vier grosse geologische Einheiten aufeinander, Zeugnisse früherer tektonischer Aktivitäten von grossem Ausmass. Doch ist es vor allem der Safre (Sandstein) aus dem Miozän, auch «Terre blonde» genannt, auf dem der Muscat besonders gut gedeiht: ein Lehm-Sand-Gemisch, das tagsüber enorm viel Wärme speichert und nachts wieder abgibt. Karg, zähmt es die üppige Wuchskraft der Rebsorte. Frühreifend, fördert es geringe Erträge und einen hohen Zuckergehalt in den Trauben. Es ist zweifellos das Lieblingsterroir des Muscat, und auf diesen Böden hat auch der Weinbau in Beaumes seinen Ursprung. Als die Griechen hier 600 vor Christus die ersten Reben pflanzten, legten sie die Parzellen klassisch auf Terrassen an, aber sie wurden dort nicht wie gewöhnlich auf ebener Fläche angepflanzt, sondern stattdessen in die Zwischenräume der vertikalen Trockenmauern gesetzt, von denen die belaubten Zweige wie Spalierreben herabhingen.

Die floralen, fruchtigen Noten der Rebsorte fanden schnell ein breites Publikum. Bereits Plinius der Ältere (23 bis 79 nach Christus) schrieb in seiner Naturgeschichte: «Die Muskatrebe wird in Balme seit langem angebaut und ergibt einen bemerkenswerten Wein.» In den folgenden Jahrhunderten trugen der mittelalterliche Klerus und die in Avignon ansässigen hohen Würdenträger massgeblich zur Entwicklung des Weinbaugebiets und der Rebsorte bei. Sie besassen während ihrer Zeit in Avignon eine Muscadière, die übrigens im Inventarverzeichnis der Sixtinischen Kapelle aufgeführt ist. Das erste, 1414 erstellte Kataster des Comtat Venaissin verzeichnete die Grösse der Muscadière mit nicht weniger als 693 000 Rebstöcken! Mit anderen Worten: Muscat und Beaumes sind seit vielen Jahrhunderten ein perfekt eingespieltes Team. Die Reben wurden erst traditionell mit Olivenbäumen kombiniert, über die Jahrhunderte kamen Pistazien-, Kapern-, Aprikosen-, Wacholder-, Feigen- und Mandelbäume dazu. Sogar der Färberrapp, eine für ihre roten Färbeeigenschaften bekannte Blume, wurde zeitweise angebaut. Bis ins 20. Jahrhundert hinein herrschte Mischkultur, und wer die ältere Winzergeneration von den saftigen, parfümierten rosa Aprikosen aus Suzette schwärmen hört, bereut, dass diese Zeiten vorbei sind.

Von Weiss zu Rot zu Weiss

Lange war der Süsswein Muscat de Beaumes-de-Venise eine unverzichtbare Köstlichkeit. Er fällt unter Vin Doux Naturel. Kurz VDN genannt, steht dies ganz allgemein für gespriteten Süsswein, produziert nicht nur in Beaumes-de-Venise, sondern insgesamt entlang der französischen Mittelmeerküste, zum Beispiel auch in Rasteau, Banyuls, Rivesaltes, Maury und Fronti­gnan, jedes Mal mit anderen Rebsorten und in ortsspezifischen Stilistiken. Der Prozess, der dahinter steckt, ist gut 800 Jahre alt: Die Gärung, das heisst die natürliche Umwandlung von Zucker in Alkohol, wird zu einem bestimmten Zeitpunkt durch Zugabe von einer bestimmten Menge an hochprozentigem Weingeist unterbrochen. «Mutage» genannt, wurde diese Technik im 13. Jahrhundert vom französischen Chemiker und Gelehrten Arnaud de Villeneuve entdeckt und eingeführt. Das Resultat ist ein Wein mit natürlicher Restsüsse und nur leicht erhöhtem Alkoholgehalt. Die Besten sind flüssige Gedichte aus Frucht, Würze, Süsse und Frische, gepaart mit einem aussergewöhnlichen Lagerpotenzial. Ende des 20. Jahrhunderts liess der Wandel des Geschmacks hin zu trockenen Weinen die Produktion des VDN in Frankreich allerdings stark zurückgehen. So wird der Muscat de Beaumes-de-Venise heute nur noch auf etwa 500 Hektar angebaut. Der grosse Gewinner ist ein eleganter, frischer Rotwein, der mittlerweile den grössten Teil der Weinproduktion in Beaumes-de-Venise ausmacht.

Vor allem der Grenache Noir fühlt sich hier nämlich pudelwohl und wurde nicht umsonst zur Hauptrebsorte der Rotweine von Beaumes-de-Venise gekürt (mindestens 50 Prozent der Assemblage), begleitet von Syrah, Mourvèdre und einem ganzen Schweif an Nebenrebsorten. Dies bietet den Winzern grosse Freiheit und ermöglicht es, je nach den Bedingungen eines bestimmten Jahrgangs die Stilistik der Rotweine zu verfeinern sowie deren charakteristische Eleganz und Frische zu bewahren. Letztere sind auf die Bodenbeschaffenheiten, Höhenlagen und Ausrichtungen der Weinberge zurückzuführen. Stets terrassiert, folgen sie den kurvigen Höhenlinien des Gebirgsmassivs und ändern auch auf kurzer Distanz ihre Orientierung von Ost über Süden und Westen bis Norden. Grosse, zusammenhängende Rebflächen gibt es kaum, fast immer sind frischespendender Wald oder zumindest Haine in der Nähe. Das Klima ist zwar mediterran, wird aber auch vom Gebirge beeinflusst. Die höheren Lagen mildern die Intensität der Sonneneinstrahlung und verleihen gerade dem Grenache eine Extraportion an Leichtigkeit, trotz perfekter Reife und immer heisserer und trockenerer Sommer.

Aber nicht nur die Reben finden die örtlichen Gegebenheiten ganz nach ihrem Geschmack. So ziemlich alle Winzer sind von der landschaftlichen Schönheit ihrer Appellation begeistert, und die harte Arbeit im Weinberg wird mit fantastischem Pano­rama sowie tollen Sonnenauf- und -untergängen belohnt. Die natürliche Tendenz der Weine zur Eleganz hat die Winzer übrigens dazu inspiriert, sich für die Einführung eines trockenen Weissweins Beaumes-de-Venise einzusetzen. Das Projekt ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die offizielle Einführung noch in diesem, spätestens jedoch im nächsten Jahr, erfolgen dürfte.

Garten Eden des Weintourismus

Beaumes-de-Venise verdankt seinen Namen den Balmes (Höhlen) des Comtat Venaissin. Im Herzen und an den Südausläufern des Massivs der Dentelles de Montmirail gelegen, bildet der Mons Mirabilis, übersetzt «bewundernswerter Berg», ein spektakuläres, über 700 Meter hohes Relief. Von Weitem wirkt es fast so, als hätte ein Riese auf der Flucht hier sein Gebiss verloren. Es ist die komplexeste geologische Struktur des linken Rhône-Ufers, mit Fels- und Bodenformationen aus der Trias-, Jura- und Kreidezeit, umgeben von einem Kranz aus Oligozän- und Miozänformationen. Wanderwege führen weit hinauf in das Massiv, es gibt eine vielfältige Flora und Fauna, archäologische Überreste aus der Römerzeit, romantische Dörfer ​​(Beaumes-de-Venise, Lafare, La Roque-Alric, Suzette, aber auch das nahegelegene Le Barroux) und viel Natur. Die meisten kleinen Restaurants der Region verfügen über Terrassen mit Ausblick, und manch Weingut, wie zum Beispiel das Bio-Weingut Domaine de la Ferme Saint-Martin, organisiert Verkostungen, kleine Events, Konzerte, Ausstellungen – Aperitif mit Ausblick und Sternegucken inbegriffen.

Und es gibt unglaubliche Geschichten, wie die der Restaurierung der kleinen romanischen Kapelle Sainte-Hilaire, deren Ursprünge ins sechste Jahrhundert zurückreichen. Auf 287 Metern Höhe, auf einem ziemlich schmalen, schroffen Bergkamm thronend und oberhalb des Plateaus von Courens, reicht der Blick bis zu 50 Kilometer in Richtung Süden. Lange dem Verfall überlassen, ist es vor allem der Initiative des nicht mehr ganz jungen Künstler-Ehepaars Claudia und Robert Mestelan zu verdanken, dass die kleine Kapelle seit 2012 wieder aufersteht und heute in neuem Licht erstrahlt. Eine Wanderung dorthin kann man ganz prima mit einem Besuch auf dem alteingesessenen Weingut Domaine de Durban verbinden, dessen Parzellen bis zur Kapelle hochreichen und das das ganze Jahr über Besucher empfängt. Auf eine Verkostung mit Ausblick sollte man nicht verzichten.

Weine zum Geniessen

Nicht nur die eleganten Rotweine passen ganz hervorragend zum Essen, auch die süssen Muskatweine tun es, und zwar auch zum Hauptgang. Passt ein roter Beaumes-de-Venise zum Beispiel ganz hervorragend zum Schweinebraten mit Kräutern der Provence, zu Pizza Margherita, Pasta all’ Arrabiata, gegrilltem Gemüse, gefüllter Paprika oder zum Rote-Linsen-Dal mit Lyoner Wurst, zieht der Muscat de Beaumes-de-Venise ein komplementäres Register: Er passt zum Beispiel hervorragend zu weissem Spargel mit Katenschinken und Bechamelsauce, zu würzigen exotische Speisen, zu Hartkäse wie Comté oder zu einer Hähnchen-Tajine mit kandierter Zitrone. Klingt vielleicht erst einmal ungewöhnlich. Aber man sollte sich einfach mal etwas trauen, die gängigen Konventionen über Bord werfen und wie Marco Polo die magische Welt der Speisen- und Weinkombinationen erkunden. Und auch wenn die meisten von Ihnen, liebe Leser, wohl nicht mehr über einen Weinkeller verfügen: Viele der Rot- und Muskatweine zeigen ein wunderbares Lagerpotenzial.

Gestern, heute, morgen

Wie in vielen anderen Weinregionen auch, ist es vor allem die junge Winzergeneration, die nachhaltiges und ökologisches Arbeiten in Weinberg und Keller vorantreibt. Heute sind 28 Prozent der Weinberge biozertifiziert, auch weil sich die junge Generation gegenseitig unterstützt. Ausserdem zieht die Appellation Quereinsteiger an. Das ist kein Wunder, denn die Preise pro Hektar Rebberg sind hier noch zugänglich geblieben, und die lokalen, klimatischen Verhältnisse sind frischer als anderswo im südlichen Rhône-Tal. Die Kultur des Vin Doux Naturel wird trotz aller Schwierigkeiten von der jungen Generation gehypt, unter anderem auf dem Weingut Domaine des Bernardins, dem Überflieger auf diesem Gebiet. Die seltenen Weiss- und Roséweine sind langsam auf dem Vormarsch, und dank ihrer trinkfreudigen Leichtigkeit überzeugen die Rotweine immer mehr Weinliebhaber. Ausserdem wird neben Weinbau wieder vermehrt über Mischkultur nachgedacht. Ein gemeinnütziges Projekt fördert die Instandsetzung alter, terrassierter Obstgärten, mit traditionellen regionalen Sorten wie Pistazien-, Feigen- und Mandelbäumen, Kapern­sträuchern, rosa Aprikosenbäumen und Wacholder. Sogar die Muskattraube wird dort wieder vertikal in Trockensteinmauern angepflanzt. In Beaumes-de-Venise reichen sich gestern, heute und morgen die Hand. Und das Resultat ist aussergewöhnlich schmackhaft!