Abseits der Sonne: Wie die Wachau ihr Gesicht verändert
Aus dem Schatten ins Licht
Text: Harald Scholl, Fotos: MARTINA SIEBENHANDL, PamelaSchmatz, z.V.g., www.guenterstandl.de

Wer morgens auf der B 33 durch die Wachau fährt, erlebt zunächst einen Unterschied im Licht. Drüben fängt die andere Donauseite oft schon die ersten Sonnenstrahlen ein, hier bleiben die steil aufragenden Hänge länger im Schatten. Es ist die ehemals dunklere Seite der Wachau, kühler, stiller, weniger repräsentativ. Dennoch entstehen hier einige der interessantesten und zeitgemässesten Weine der Region: präzise, frisch, fein im Zug. Und so wirkt die neue Wachau inzwischen weit über dieses Ufer hinaus, bis hinüber auf jene Seite, die lange als das traditionellere Gesicht des Gebiets galt.
Auf der Sonnenseite der Donau liegen die Hauerhäusl oft schon im ersten Morgenlicht, hier dagegen bleibt es länger kühl. Die Hänge steigen steiler auf, halten die Sonne ab, die Dörfer wirken kleiner, gedrungener, auch ein wenig ärmer. Es ist die Schattenseite der Wachau, die dunklere Seite der Donau. Lange war genau das Teil ihres Problems. Wer von der Wachau sprach, meinte meist die grossen Namen, die sonnigeren Bilder, die repräsentativeren Lagen. Die andere Seite war mitgemeint, aber selten gemeint. Dabei liegt gerade hier ein erheblicher Teil dessen, was man ohne Übertreibung die neue Wachau nennen kann. Nicht als Gegenwelt zur alten. Nicht als Revolte gegen die Tradition. Sondern als Verschiebung der Gewichte innerhalb einer Region, die gelernt hat, anders mit Klima, Reife, Stil und Herkunft umzugehen. Was früher als Nachteil galt, wirkt heute oft wie ein Vorsprung. Kühle, spätere Reife, weniger unmittelbare Opulenz, dafür mehr Zug, mehr Präzision, mehr Leichtigkeit ohne Substanzverlust. Die ehemals dunklere Seite der Donau hat begonnen, das Gesamtbild der Wachau zu verändern. Und man spürt längst, dass dieser Impuls bis hinüber auf die klassische Loibner-Berg-Seite reicht.

Georg Frischengruber beschreibt diese Verschiebung sehr offen. Auf die Frage, ob die Wachau 2026 eine andere sei als 2015, sagt er ohne Zögern: «Ja, denke ich schon.» Die Region sei zwar weiterhin «eher ein träges, traditionelles Gebiet», aber sie habe sich bewegt. Nicht, indem sie jedem Trend hinterherlaufe, sondern indem sie «tiefer in die Sache rein» gehe. Mehr Herkunft, mehr Einzellagen, mehr Konzentration. Für ihn sind Grüner Veltliner und Riesling weiterhin das Zentrum, aber eben nicht mehr als blosse Rebsorten, sondern als Träger von Herkunft. Und mindestens ebenso wichtig: Die Wachau habe gelernt, mit den wärmeren Jahren anders umzugehen. «Das Thema ‹Die Wachau hat 14 bis 14,5 Prozent Alkohol› gibt’s nicht mehr», sagt er. «Die Weinstile haben sich schon erfrischt. Auch die von Traditionshäusern, muss man sagen.» Das ist ein entscheidender Satz. Denn er kommt nicht aus der Distanz eines Kommentators, sondern aus dem Inneren des Gebiets. Frischengruber ist überhaupt die ideale Stimme, weil er die Veränderung nicht theoretisch beschreibt, sondern mit der rechten Donauseite verbindet.

Lange seien Lagen dort schlicht weniger bekannt gewesen. Nicht unbedingt, weil sie schlechter gewesen wären, sondern weil sie weniger sichtbar waren, stärker von kleinen Betrieben geprägt, weniger vom Markt aus gedacht. Erst mit dem Klimawandel und dem Generationenwechsel habe sich das geändert. «Die Lagen sind auf einmal bei uns interessant geworden», sagt er. Und noch klarer: «Das entwickelt jetzt so eine gewisse Dynamik, eigentlich auf der rechten Seite.» Namen, die früher kaum jemand auf dem Zettel hatte, tauchen plötzlich bei Verkostungen auf, auf Karten, im Gespräch. Das hat für ihn viel mit Klima zu tun, aber eben auch mit einer anderen Generation von Winzern und Sommeliers, die Frische, Finesse und klare Linien stärker schätzen als blosse Wucht. «Frisch, gut, klare Linie», so fasst er das zusammen. Mehr Wachau der Gegenwart passt in drei Stichpunkte kaum.

Frische, Präzision, neue Gewichte
Dass diese Bewegung nicht mit Lautstärke arbeitet, sondern mit Präzision, zeigt sich sehr schön bei Erich Machherndl, auf der linken Seite des Flusses. Er ist die Brückenfigur, weil er deutlich macht, dass neu nicht gleich modisch heisst. Er denkt nicht gegen die Wachau, sondern sehr stark aus ihr heraus. Er war bei unserem Besuch unterwegs, um die Weine zu promoten, seine Frau Karin Machherndl-Sladky denkt ähnlich wie er. «Die Stärke einer Region ist ja nicht, dass alle das Gleiche machen», sagt sie, «sondern dass viele etwas Ähnliches machen und man trotzdem weiss, wo man ist.» Das ist fast schon ein Leitsatz, denn er erlaubt Vielfalt, ohne das Herkunftsgefühl preiszugeben.
«Die Stärke einer Region ist nicht, dass alle das Gleiche machen.»
Karin Machherndl-Sladky
Machherndl-Sladky spricht mit grosser Selbstverständlichkeit darüber, dass man heute «ein bisschen mit der Maische, ein bisschen frischer» arbeiten könne, ohne deshalb den Charakter der Region aufzugeben. Im Gegenteil: Das eine schliesse das andere nicht aus. Die Wachau bleibe die Wachau, aber sie müsse «ein bisschen entstauben». Gerade weil sie stark ist, kann sie sich Bewegung leisten. Sie benennt damit etwas, das für die gesamte Region gilt. Die alte Alternative – hier Tradition, dort Experiment – trägt nicht mehr besonders weit. Interessanter ist inzwischen, wie sich beides überlagert. Auch bei Machherndl entsteht der Wein im Weingarten, nicht im Keller, wie sie sagt. Bio, spontane Vergärung, mehr Maischestandzeit, weniger Eingriffe, dazu die Bereitschaft, Dinge nicht mehr automatisch so zu machen wie vor 30 Jahren. Gleichzeitig bleibt der Wachauer Rahmen klar erkennbar. Das Entscheidende ist nicht, dass alles anders wird. Das Entscheidende ist, dass mehr möglich wird. In dieser Öffnung liegt viel von jener neuen Wachau, die sich gerade formiert: keine ideologische Neuordnung, sondern eine Verschiebung der Praxis.
Wo der Schatten zum Vorteil wird
Fast körperlich greifbar wird diese neue Praxis bei Martin Bergkirchner. Seine Weine kommen von der rechten Seite, aus Rossatz-Arnsdorf, also aus jener Zone, die lange nicht als natürlicher Mittelpunkt der Wachau galt. Er spricht über Nord-Nordwest-Lagen, über spätere Ernte, über weniger Zucker, aber vollen Geschmack. Ein Muskateller mit elf Volumenprozent, «sehr elegant», ohne jede Aufdringlichkeit. Federspiele mit 12 oder 12,5 Volumenprozent, Smaragde, die nicht auf Schwere setzen, sondern auf Reife bei moderatem Gewicht. «Deswegen sehe ich uns sehr gut positioniert für die Zukunft», sagt er. Und man versteht sofort, was er meint: Diese Seite der Donau hat Bedingungen, die in wärmeren Jahren plötzlich kein Nachteil mehr sind, sondern Vorteil. Die Weine wirken «schön klar», «leicht und duftig», «ein bisschen verspielt». Das klingt nicht nach Mangelverwaltung, sondern nach Stilbewusstsein. Bergkirchner formuliert den Unterschied zur anderen Donauseite bemerkenswert nüchtern. Dort komme die Konzentration vieler Weine stärker «über den Alkohol». Auf seiner Seite sei die «Mineralität weniger präsent», dafür aber entstehe bei geringerem Zucker «mehr Struktur, mehr Dichte», gerade «im leichten und mittleren Bereich». Das ist ein wichtiger Punkt.
«Wir arbeiten heute viel differenzierter und situationsangepasster.»
Emmerich Knoll
Die neue Wachau will nicht einfach weniger sein. Sie will anders dicht sein. Nicht über Volumen und Hitze, sondern über Spannung, Länge, Textur. Bergkirchner denkt das ganz offensiv von der Zukunft her. Zehn Tage spätere Ernte als in den Loibener Rieden, biologische Bewirtschaftung, hohe Bio-Anteile in der Gemeinde, junge Winzer in grosser Zahl: Aus all dem entsteht ein eigenes Milieu. Und er sagt es auch selbst: «Die Summe ist die Konzentration an jungen Winzern, die etwas bewegen. Und die ist am rechten Donauufer höher.» Das ist nicht überheblich gemeint, eher sachlich. Aber es beschreibt sehr genau, warum man auf dieser Seite derzeit so genau hinschauen muss. Auffällig ist dabei, wie selbstverständlich Bergkirchner die stilistische Nähe nicht mehr entlang des Flusses, sondern entlang von Weinbildern denkt. Gemeinsame Kundschaft habe man nicht nur mit Nachbarn dieser Seite, sondern auch mit Betrieben drüben, sofern die Stilistik ähnlich sei. Das ist fast noch wichtiger als die geografische Pointe. Die neue Wachau ist kein Uferkampf. Sie ist eine neue Art, innerhalb der Region Zusammengehörigkeiten zu erkennen. Nicht mehr nur über Prestigelagen und Traditionsgewichte, sondern über Frische, Präzision, weniger Alkohol, mehr Klarheit. Man könnte auch sagen: Die rechte Donauseite hat der Wachau geholfen, ihre eigenen Möglichkeiten neu zu lesen.

Wie die ganze Wachau sich verändert
Damit geht es zurück auf die andere Seite, zu Emmerich Knoll. Er ist im aktuellen Kontext die entscheidende Figur, weil er zwei Rollen zugleich erfüllt. Zum einen ist er selbst ein stilprägender, eigenständiger Winzer mit starker vinologischer Identität. Zum anderen ist er als Obmann der Vinea Wachau die institutionelle Stimme der Region. Gerade deshalb hat sein Blick auf Wandel besonderes Gewicht. Knoll redet nicht wie jemand, der die Wachau gegen Veränderung verteidigen müsste. Er redet eher wie jemand, der genau weiss, was erhalten werden soll und was zugleich angepasst werden muss. «Wir arbeiten heute einfach viel differenzierter und situationsangepasster», sagt er. Das ist für einen Traditionalisten im besten Sinn ein erstaunlich offener Satz. Er bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Präzisierung. Emmerich Knoll ist auch deshalb so interessant, weil er die übliche Verkürzung der Wachau auf Alkohol und Smaragd sehr entschieden zurückweist. Er paraphrasiert den Vorwurf so: «Die anderen machen ja Herkunft, und ihr macht immer noch Alkohol.» Lagen beziehungsweise Rieden habe es in der Wachau immer gegeben, sagt er, schon in alten Preislisten, schon lange vor den jüngeren Debatten. Der Unterschied sei eher, dass man die Stilbezeichnungen mitgenommen habe. Gleichzeitig zeigt er sehr genau, wie stark sich selbst in seinem Haus die Werkzeuge verändert haben. Die Vinothekfüllung dient ihm längst nicht nur als Prestigewein, sondern ganz praktisch dazu, Lagenweine in warmen Jahren schlanker und präziser zu halten.

Überreife Partien können herausgenommen werden, damit ein Loibenberg oder ein Kreutles «präzise, geradlinig, lagentypisch bleibt und nicht nach oben rauswächst». Das ist kein Bruch mit der Tradition. Es ist deren zeitgemässe Feinjustierung. Ebenso aufschlussreich ist sein Blick auf das Klima. Knoll verweigert sich den einfachen Erzählungen. Klimawandel, sagt er sinngemäss, ist nicht bloss Temperaturanstieg. Entscheidend sei ebenso die veränderte Niederschlagsverteilung. Warme Jahre würden durch späte Regenfälle im September plötzlich wieder verzögert, Zuckeranstieg ausgebremst, Reife anders moduliert.
«Die Lagen sind auf einmal bei uns interessant geworden.»
Georg Frischengruber
«Der Regen hat uns den 2024er Jahrgang gerettet», sagt er an einer Stelle – obwohl gleichzeitig Wasser im Keller stand. Das ist ein typischer Knoll-Satz: komplex, unaufgeregt, nüchtern, nah an der Realität. Und genau darin spiegelt sich jene neue Wachau. Nicht die eine grosse Kurskorrektur, sondern ein genaueres, flexibleres, intelligenteres Arbeiten in einer Region, die gelernt hat, dass weder Klima noch Reife noch Stil sich mit alten Gewissheiten allein beherrschen lassen.
Seine Doppelrolle als Obmann der Vinea Wachau macht das noch deutlicher. Knoll spricht nicht nur über Weine, sondern auch über die Art, wie die Wachau sich selbst erzählt. Dass die Vinea Wachau ihre Kommunikation schärft, das Erscheinungsbild ordnet, über Marke, Botschaft und Sichtbarkeit nachdenkt, ist kein nebensächliches PR-Detail. Es zeigt, dass auch die Institutionen der Region verstanden haben, dass Herkunft heute nicht nur im Glas stattfindet, sondern auch in der Art, wie man sie vermittelt. «Wir brauchen ein Markenbewusstsein in unserem Denken generell», sagt Knoll. Und zugleich besteht er darauf, dass sich am Kern nichts ändern müsse: am Weisswein, an den Hauptsorten, an der stilistischen Eigenständigkeit der Region. Genau aus dieser Mischung, aus Selbstgewissheit und Offenheit, entsteht Glaubwürdigkeit. Die Wachau wird nicht neu erfunden. Aber sie spricht anders über sich. Und sie hört inzwischen genauer hin, wenn sich die Region in ihren Rändern verändert.
«Die Summe ist die Konzentration an jungen Winzern, die etwas bewegen.»
Martin Bergkirchner
So fügt sich das Bild langsam zusammen. Frischengruber benennt die Dynamik der rechten Donauseite und den stilistischen Wandel der ganzen Region. Machherndl formuliert die vielleicht klügste kulturpolitische Pointe dazu: «Eine Region ist stark, wenn nicht alle dasselbe machen und man trotzdem weiss, wo man ist.» Bergkirchner verkörpert diese neue Wachau im Glas: weniger Alkohol, mehr Zug, Bio, spätere Reife, junge Energie. Und Knoll zeigt, dass selbst im Kern der klassischen Wachau Bewegung angekommen ist, nicht als modischer Richtungswechsel, sondern als genauere Arbeit an Stil, Kommunikation und Herkunft. Die neue Wachau kommt nicht von aussen. Sie kommt auch nicht gegen die alte. Sie kommt aus dem Schatten. Aus den kühleren, weniger repräsentativen, lange unterschätzten Lagen und Betrieben. Und gerade weil sie nicht als Gegenbewegung auftritt, sondern als präziser werdende Interpretation derselben Region, wirkt sie so überzeugend. Sie hat dazu beigetragen, dass Frische heute in der Wachau kein Mangel mehr ist, sondern Qualität. Dass weniger Alkohol nicht nach Verzicht klingt, sondern nach Präzision. Und dass selbst dort, wo weiter grosse, substanzreiche, klassische Weine entstehen, eine andere Sensibilität für Reife, Herkunft und Trinkfluss spürbar wird.

Wer heute auf der B 33 unterwegs ist, fährt also nicht bloss an der dunkleren Seite der Donau entlang. Man fährt an einem Teil der Wachau vorbei, der lange übersehen wurde und gerade deshalb umso genauer hinschauen musste. Vielleicht entstehen genau hier deshalb einige der interessantesten Weine der Region. Nicht weil sie die Tradition abräumen. Sondern weil sie ihr einen neuen Ton geben. Kühler, klarer, leichter auf den Füssen und gerade dadurch erstaunlich nachhaltig. Denn das ist vielleicht das Schönste an dieser neuen Wachau: Sie muss sich nicht laut erklären. Man kann sie schmecken.