Das steirische Vulkanland

Vielfalt unter den Vulkanen

Text: Harald Scholl, Fotos: Die Mosbachers, Der Flor, z.V.g, Chris Rogl

Das steirische Vulkanland ist keine Weinregion, die sich auf den ersten Blick erschliesst. Zu sanft wirken die Hügel, zu freundlich die Dörfer, zu beiläufig die Reben zwischen Obstgärten, Wäldern und Feldern. Und doch entstehen hier Weine von markanter Eigenart: würzig, spannungsvoll, oft von tiefer innerer Ruhe. Wer mit Winzern spricht, merkt schnell, dass das Besondere dieser Region nicht in einem einzigen Boden, einer Rebsorte oder einem modischen Narrativ liegt.


Wer ins steirische Vulkanland fährt, sucht zunächst oft nach dem grossen Zeichen. Nach dem dunklen Stein, der diese Landschaft erklärt. Nach jener dramatischen Geste, die verrät, warum ausgerechnet hier Weine entstehen, die so oft von Würze, Saft, Druck und Tiefe erzählen. Aber das Vulkanland entzieht sich solchen schnellen Lesarten. Es ist keine Weinlandschaft, die sich mit Monumenten inszeniert. Die Hügel verlaufen weich, die Dörfer wirken unprätentiös, Obstgärten, Wälder und Reben wechseln einander ab. Alles scheint offen, fast gelassen. Gerade das ist die erste Überraschung. Denn unter dieser Sanftheit arbeitet eine Landschaft, die aus Unruhe entstanden ist. Basalt, Tuff, Sedimente, Schotter, Sand, dazu zahllose Übergänge und kleinräumige Unterschiede: Das Vulkanland ist keine geologische Eindeutigkeit, sondern ein komplexes Gefüge. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke. Es gibt hier nicht das eine Geschmacksbild, das sich über alles legt. Es gibt Reibung, Unterschiede, Spannung. Und daraus entsteht ein Herkunftsverständnis, das sich gerade nicht über Vereinfachung definiert.

Christoph Neumeister kann das so klar benennen wie kaum ein anderer, weil er in dieser Geschichte zwei Rollen zugleich einnimmt. Er ist nicht nur einer der prägenden Winzer des Gebiets, sondern als Obmann auch die Stimme der rund 200 Mitglieder starken Winzervereinigung im Vulkanland. Wenn er über die Entwicklung der Region spricht, klingt das nie nur privat, sondern immer auch nach kollektivem Lernprozess. «Die Steiermark war schon immer frisch, saftig, aber das meiste war Sortenmarketing», sagt er. Man habe Muskateller, Morillon oder Sauvignon getrunken, aber zu selten gefragt: «Wie schmeckt die Sorte auf dem Hügel?» Genau darin liegt für ihn der eigentliche Fortschritt der vergangenen Jahre. Herkunft ist Kern der Sache. Und Neumeister formuliert den Anspruch entsprechend hoch: «Gas geben heisst für mich unkopierbare Terroirweine in die Flasche zu füllen.» Das ist ein ambitionierter Satz, fast schon ein Gegenentwurf zu jeder beliebigen internationalen Stilistik. Und er passt zum Vulkanland. 

Denn diese Region war nie der Ort der schnellen Effekte. Ihre stärksten Weine kommen selten über plakative Frucht oder gefällige Lautstärke. Neumeister bringt das mit einer entwaffnend einfachen Formulierung auf den Punkt: «Wir Vulkanländer haben immer Probleme gehabt. Weil unsere Weine nie so laut waren und nie so frisch und fruchtig.» Stattdessen will er, dass «ein bisschen Fleisch dabei ist auf den Knochen», dass der Wein «ein bisschen im Dunkeln» bleibt und «ein bisschen nach Vulkanland schmeckt und nicht nach Südsteiermark». In diesen Sätzen steckt bereits ein ganzes Stilprogramm. Weniger Vordergründigkeit, mehr Tiefe. Weniger Primärfrucht, mehr Würze, Haptik, Nachhall. Auch seine fast kokett klingende Sehnsucht nach dem «langweiligen Weingut», «…wo man hundert Jahre das gleiche Etikett hat und hundert Jahre der Wein praktisch gleich schmeckt», zielt ja nicht auf Monotonie, sondern auf Handschrift, Verlässlichkeit, Wiedererkennbarkeit. Bemerkenswert ist dabei, dass selbst ein so starker Regionaldenker wie Neumeister keine geologische Einfalt behauptet. Im Gegenteil. Sein eigenes Umfeld ist geprägt von Sediment und Schotter, nicht vom plakativen Bild roter Vulkanerde. Gerade daraus lässt sich viel über das Gebiet lernen. Das Vulkanland ist kein markiger Monolith, sondern ein geologisches Gespräch. Zwischen Basalt und Sediment, zwischen pannonischer Wärme und kühleren Einflüssen, zwischen tiefgründigen und leichteren Böden. Neumeister spricht von «tiefgründig und komplex», von einer «kühlen, dunklen Welt», von Oliven, Kapern, Koriandersamen, Wacholder, Rosmarin, von Struktur, Haptik und Biss. Solche Beschreibungen sind mehr als Aromenpoesie. Sie zeigen, dass diese Region ihre Eigenart nicht über Lautstärke, sondern über Tiefe gewinnt.

Orientierung für die Jugend

Wie sehr das Vulkanland zugleich Lebens- und Arbeitsraum ist, zeigt sich bei Stefanie Leitner besonders schön. Ihr Blick auf die Region beginnt mit einer schlichten Feststellung: «Wir sind in einer Obstbaugegend.» Genau darin liegt schon ein Schlüssel. Denn Leitner erzählt das ­Vulkanland nicht als heroisches Weinland, sondern als gemischte bäuerliche Landschaft, in der Weinbau, Obstbau und Familienbetrieb selbstverständlich zusammengehören. Dass die Dichte an Weinbau einfach nicht so gross sei, beschreibt sie nicht als Nachteil, sondern im Gegenteil als Stärke: «Unsere Kunden sind sehr nah. Wir haben sehr viel Ab-Hof-Verkauf und sehr viele Stammkunden.» Das ist ein ganz anderer Klang als in jenen Regionen, die ihre Strahlkraft aus touristischer oder medialer Daueraufmerksamkeit ziehen. Weniger Pose, mehr Bindung. Weniger Szene, mehr Alltag. Gerade deshalb steht Leitner für eine jüngere Generation, die aus dieser Bodenhaftung keine Folklore macht, sondern Zukunft. Dass sie in diesem Jahr als Mentee am Cross-Mentoring-Programm der ­VieVinum von ­Alexandra Graski-Hoffmann teilnehmen wird, das junge österreichische Winzer mit namhaften Mentoren aus Wirtschaft und Gesellschaft vernetzt, um Persönlichkeitsentwicklung und Branchenwissen zu stärken, passt sehr gut dazu. 

«Wie willst du deine Winzerpersönlichkeit entwickeln, wenn du immer nur hinterherlatschst?»

Stefanie Leitner

Es zeigt, dass aus solchen Strukturen neue Präsenz entsteht. Auch im Betrieb selbst ist dieser Übergang greifbar. «Man merkt halt schon, dass die jungen Leute jetzt im Betrieb sind», sagt sie einmal, fast beiläufig über den elterlichen Betrieb. Zugleich spricht aus ihren Sätzen eine grosse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Generationen und Verantwortung. Die Eltern lassen etwas zu, die Jungen übernehmen, ohne alles Vorherige abzuräumen. Daraus wächst keine Rebellion, sondern Entwicklung. Das ist womöglich eine der sympathischsten Seiten des Vulkanlands: Hier wird Zukunft aus der Herkunft heraus gebaut. Auch stilistisch formuliert Leitner ihren Anspruch bemerkenswert klar und uneitel. Ein Wein, sagt sie, solle «nicht zu kompliziert sein. Er soll trinkig sein, damit er Spass macht.» Man unterschätzt leicht, wie anspruchsvoll so ein Satz ist. Denn Trinkigkeit meint hier keine Belanglosigkeit. Sie meint Balance, innere Selbstverständlichkeit, jene Form von Zugänglichkeit, die nicht auf Kosten der Substanz geht. Gerade in einer Region, die oft von Struktur, Würze und innerer Dichte spricht, ist das ein wichtiger Gegenakzent. Leitner verkörpert damit das geerdete Vulkanland: bäuerlich, familiär, nah an den Menschen, dabei aber mit deutlichem Qualitätsbewusstsein und neuer Sichtbarkeit.

Mehr als nur Wein

Walter Frauwallner wiederum steht für die Dynamik des Gebiets. Er ist fast ein Blitzstarter, noch vergleichsweise neu an der Spitze des Vulkanlands und gerade deshalb eine Schlüsselfigur dieser Geschichte. Denn an ihm lässt sich zeigen, dass die Region keine festzementierte Rangordnung kennt. Herkunft ist hier nicht bloss Erbe, sie ist auch Ergebnis von Konsequenz. Von Ehrgeiz. Von Präzision. Frauwallner beschreibt sehr offen, dass er inzwischen in einer Phase der «Perfektionierung» angekommen sei. Man gibt etwas ab, nimmt etwas Neues dazu, überprüft, welche Ecke man wirklich noch braucht, welche Lage das grössere Potenzial hat. «Wenn ich von Herkunft rede, dann muss ich Herkunft leben», sagt er. Das klingt nicht nach Phrase, sondern nach Arbeitsauftrag.

Charakteristisch ist dabei seine Art, über Lagen zu sprechen. Nicht verallgemeinernd, sondern mit hohem Bewusstsein für Unterschiede. Die Lagen, genauer Rieden, Buch, Rosenberg, hier kühlere Partien, dort wärmere Zonen, die Waldnähe, die Wasserverfügbarkeit, Reifezeitpunkte: Bei Frauwallner wird spürbar, dass Herkunft im Weinberg entschieden wird, lange bevor sie im Glas beschrieben werden kann. Die Riede Buch nennt er deshalb «das Wertvollste», weil sie «die grösste Konstanz über die Jahrgänge» in den Wein bringe. Eine Ostlage auf 400 Metern wiederum sei für ihn bereits eine Zukunftslage: «Es ist kühl, es ist genug Wasser da.» Solche Sätze sind mehr als technische Details. Sie zeigen einen Winzer, der sein Gebiet nicht nur kennt, sondern aktiv weiterliest. Nicht nur im Modus des Bewahrens, sondern mit Blick auf das, was in zehn oder zwanzig Jahren wichtiger sein wird als heute.

«Wir sind keine Stadionrockband, eher ein Jazzclub.»

Christoph Neumeister

Zugleich ringt Frauwallner wie kaum ein anderer hörbar mit der eigentlichen Kernfrage des Vulkanlands: Wie bekommt man den Boden wirklich ins Glas? Er spricht über Basalt als Herausforderung und Verheissung zugleich. Man arbeite seit Jahren daran, «den Basalt irgendwie in den Buch-Wein zu bringen», sagt er. Aber damit sei längst nicht alles gelöst. Denn selbst wenn es gelinge, den Geschmack von Basalt «bis auf die Zunge des Weinfreunds» zu bringen, bleibe immer noch die Frage offen, «…ob er den überhaupt mag». Das ist eine starke, seltene Frage. Sie macht klar, dass Herkunft nicht automatisch massenkompatibel sein muss. Und dass stilistische Konsequenz immer auch das Risiko einschliesst, gegen Gewohnheiten zu arbeiten. Gerade darin liegt Frauwallners Bedeutung für diese Reportage: Er steht für den Ehrgeiz einer Region, die sich nicht mit gefälligen Antworten zufriedengibt.

Noch weiter öffnet sich der Blick bei ­Stefan Krispel. Denn Krispel ist in diesem Zusammenhang bewusst mehr als nur ein Weinbaubetrieb. Sein Haus ist ein Genusskonzept, ein regionales Gesamtsystem, in dem Wein, Küche, Gastlichkeit, Landwirtschaft und Marke ineinandergreifen. Spätestens mit den 350 Wollschweinen wird klar, dass hier nicht nur Reben bewirtschaftet werden, sondern ein ganzer kulinarischer Kosmos. Restaurant, Gästezimmer, offener Hof, sichtbare Abläufe: Bei Krispel wird das Vulkanland zum Erfahrungsraum. Das passt nicht nur zu seiner Betriebsgrösse, sondern auch zum Selbstverständnis der Region. Denn das Vulkanland war immer mehr als ein Weinbaugebiet. Es ist eine Kulturlandschaft, in der Wein nie ganz von Küche, Landwirtschaft und Gastlichkeit zu trennen war. Krispel bringt diesen Gedanken mit bemerkenswerter Deutlichkeit auf den Punkt: «Der Kern vom Krispel oder vom steirischen Wein ist, ein erlebbares Weingut zu haben», sagt er. «Es kann jeder hereinkommen. Es gibt etwas zum Anschauen.» Und dann folgt ein Satz, der fast wie ein Programm für die ganze Region klingt: «Immer die Türen öffnen. Immer offen sein für die Leute.» Das ist natürlich klug in vermarktungstechnischer Hinsicht. Es ist aber auch mehr als das. Es ist eine Form von Selbstbehauptung durch Transparenz. Krispel sagt ausdrücklich: «Wir haben nichts zu verstecken.» Gerade bei einem grösseren Betrieb ist das eine interessante Aussage. Denn sie verbindet Grösse nicht mit Distanz, sondern mit Zugänglichkeit. Man könnte auch sagen: Das Vulkanland zeigt sich hier nicht als mystifizierte Herkunft, sondern als offen gelebte Kultur.

Wie eng bei Krispel Herkunft, Vermittlung und Stil zusammenhängen, zeigt sich auch an seinem Nachdenken über Basalt. Er ringt hörbar mit derselben Frage wie Frauwallner, aber aus einer anderen Richtung. Es gehe darum, «das regionale Gestein irgendwie ins Glas zu bekommen», sagt er. Doch selbst dann bleibe offen, ob dieser Geschmack unmittelbar Zustimmung erfährt. Genau deshalb sucht er nach Wegen, das Basalt-Thema für Menschen sinnlich erfahrbar zu machen, nicht nur über den Wein, sondern über Heilwasser, Quellen, Vergleiche, konkrete Geschmackserlebnisse. Herkunft wird hier nicht nur erzeugt, sondern erklärt. Man kann das didaktisch nennen. Oder sehr klug.

Denn eine Region, die nicht auf ein einziges plakatives Bild reduziert werden kann, braucht Vermittlung. Krispel macht daraus fast eine eigene Disziplin. Zugleich macht er die ökonomische Realität des Vulkanlands sichtbar. 34 Hektar Eigenfläche, dazu Zukauf, unterschiedliche Qualitätsstufen, ein Betrieb, der Volumen bewegen muss, ohne banal zu werden. Auch das gehört zur Wahrheit dieser Region. Sie lebt nicht allein von kultisch verehrten Kleinbetrieben. Sie braucht vor allem Häuser, die Breite können, ohne ihr Profil preiszugeben. Stefan Krispel formuliert es nüchtern und überzeugend: Der Kunde wachse mit. Wachstum sei stets step by step erfolgt, nie mit riesigen Sprüngen. Diese Haltung verbindet unternehmerische Vernunft mit regionalem Selbstbewusstsein. Das Vulkanland erscheint hier daher nicht mehr nur als Herkunftsraum feiner Unterschiede, sondern als reale Wirtschaftslandschaft, die gelernt hat, Genuss als Gesamterfahrung zu denken.

«Wir haben hier nichts zu verstecken.»

Stefan Krispel

Aus diesen vier Stimmen entsteht kein gleichförmiges Bild. Zum Glück nicht. Dafür sind die Temperamente, Wege und Betriebsmodelle zu verschieden. Und doch fügen sie sich zu einer erstaunlich klaren Erzählung. Das Vulkanland ist heute eine Region, die ihre Stärke aus Spannungen zieht: aus Vulkan und Sediment, aus Wärme und Frische, aus bäuerlicher Verwurzelung und professioneller Zuspitzung, aus familiärer Nähe und unternehmerischer Grösse. Neumeister gibt dieser Landschaft ihr Selbstverständnis und ihre Richtung. Leitner verleiht ihr Bodenhaftung, Nähe und die Perspektive einer jungen Generation. Frauwallner zeigt ihren Ehrgeiz und ihre Beweglichkeit. Krispel erweitert sie zum genusskulturellen Gesamtraum. Gemeinsam erzählen sie von einer Herkunft, die nicht auf Lautstärke setzt, sondern auf Substanz.

Vielleicht musste das Vulkanland gerade deshalb länger um seine Sprache ringen als andere. Weil es nie auf ein einziges grosses Bild zu bringen war. Weil es geologisch hoch aufgeladen ist, landschaftlich aber eher leise wirkt. Weil es in der Steiermark lange nicht automatisch jene Strahlkraft hatte, die andernorts schneller zugeschrieben wurde. Heute aber ist genau aus dieser Zurückhaltung eine eigene Stärke geworden. Das Vulkanland muss sich nicht grösser machen, als es ist. Es kann präziser werden. Und gerade das macht seine besten Weine so überzeugend. Sie wollen nicht dekorativ sein. Sie wollen bleiben. Es ist das Bild einer Herkunft, die bei sich angekommen ist. Und vielleicht liegt genau darin ihre grösste Qualität: Diese Landschaft überwältigt einen nicht auf den ersten Blick. Aber sie bleibt. Im Boden, in den Gesprächen und vor allem im Glas.