Leichtgewicht, schwer im Kommen

Vernatsch und Schiava

Text: Harald Scholl, Foto: Benjamin Pfitscher

Hand aufs Herz – wer von uns Weinliebhabern kann für sich in Anspruch nehmen, in den letzten Jahren eine nennenswerte Menge an Vernatsch im Glas gehabt zu haben, geschweige denn eine bedeutende Flaschenanzahl von Weinen dieser Rebsorte im Keller liegen zu haben? Warum auch? Mit ihrer einfachen Struktur, dem häufig etwas aufdringlichen Zuckerschwänzchen und der leichten Art waren die Weine keine echte Alternative. Weder für die gehobene Küche noch für den anspruchsvollen Solo-Genuss. Als einfacher Vesperwein konnte Vernatsch gerade noch durchgehen, das war es dann aber auch. Dabei waren Vernatsch (deutscher Name) und Schiava (italienische Bezeichnung) – in Südtirol ein und dieselbe Rebsorte – gegen Ende des 20. Jahrhunderts mit einem Anteil von bis zu 70 Prozent des gesamten Südtiroler Weins der absolute Liebling von Winzern und Weintrinkern. Vernatsch, das war nahezu ein Synonym für Südtiroler Wein. Aber: Tempi passati, die Anbaufläche liegt derzeit nur noch bei etwa 800 Hektar, das einstige Renommee ist dahin.

«Beim Vernatsch zeigt eine junge Generation von Weinmachern, was mit der Rebsorte möglich ist. Die moderne Vinifizierung mit früher Lese, Maischestand und reduktivem Ausbau eröffnet der alten Dame Vernatsch ungeahnte Zukunfts-perspektiven.»

Harald Scholl, stv. Chefredakteur VINUM

Das könnte sich aber schnell wieder ändern. Je wärmer es in Europa wird, desto mehr suchen die Weintrinker nach kühlen, alkoholleichten und doch anspruchsvollen Weinen. Das spüren die Winzer im Beaujolais, im Piemont und an der Loire ganz deutlich. Und sogar im Bordelais wird mit dem Petit Verdot eine Rebsorte wiederentdeckt, auf die noch vor wenigen Jahren kein Winzer auch nur einen Heller gesetzt hätte. Kurzum: Überall dort, wo mit traditionellen Rebsorten gearbeitet wird, mit Rebsorten, die lange Zeit als dünn und grün galten, findet ein Umdenkprozess statt. Alles, was früher Probleme bereitete, hat nun die Chance, wirklich reif zu werden. Und kann damit nun endlich sein volles aromatisches Potenzial zeigen. Das Klima ist aber nur ein Teil dieser Entwicklung. Denn auch die Winzer haben dazugelernt. Bei der Wahl des richtigen Standortes werden Sorten wie der Vernatsch inzwischen ernst genommen und dürfen auch dort stehen, wo sonst nur die bekannten ‹grossen› Rebsorten gepflanzt wurden. Es wird im Weinberg stärker auf Qualität geachtet, Blattmanagement, grüne Lese, Bodenbearbeitung sind Stichworte, mit denen die jüngeren, gut ausgebildeten Winzer etwas anfangen können. Und auch punktgenaue Lese, Maischegärung, Ganztraubenpressung sind für die nachgewachsene Winzergeneration kein Fremdwort mehr. In der Verbindung all dieser Parameter entstehen saftige Weine, die ohne vordergründige Primärfrucht überzeugen, dafür angenehm leicht im Alkohol, mit festem Gerbstoffgerüst und absolut trocken sind. Genauso verhält es sich beim Vernatsch der neuen Generation.

Besonders interessant ist die Entwicklung der Lagen. Der auf Pergeln gezogene Vernatsch hat über Generationen das Bild Südtirols geprägt. Das war auch verständlich, die Beschattung der Trauben durch die Blätter war nötig, um die dünnschaligen Beeren vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen. Das ist nicht mehr Stand der Dinge, mit Rahmenerziehung wächst der Vernatsch heute genauso gut, und mit dem richtigen Blattmanagement beschatten auch einzelne Blätter die Trauben ausreichend. Zusätzlich werden die Erträge heruntergefahren mit der Folge, dass die Trauben und Beeren stabiler werden. Und auch bei den Böden findet ein Umdenken statt. Die üppigen, auch für den Obstanbau geeigneten tiefer liegenden Lagen werden verlassen, der Vernatsch steigt in die Höhe. Es darf kühler und steiniger werden. Die kargen, granit- oder kalkhaltigen Lagen in der Höhe bringen eine mineralische Würze in den Vernatsch, die früher nicht gewollt war. Sie sind aber im wesentlichen dafür verantwortlich, dass die ‹neuen› Vernatsch langlebiger, vielschichtiger und qualitativ hochwertiger werden. Die Entwicklung ist jedenfalls noch lange nicht am Ende. Vom Vernatsch wird noch zu hören sein. Da sind wir sicher.

TIPPS

Franz Gojer – Glögglhof
Südtirol DOC St. Magdalener Rondell

16.5 Punkte | 2020 bis 2024

Klares, dunkles, dennoch transparentes Rubinrot. In der Nase zunächst betont kräuterwürzig, mit Belüftung generöser. Viel Rauch, etwas Kräuterwürze. Sehr gute Struktur, hat Format.

www.gojer.it

Weingut Alois Lageder – Vigneti delle Dolomiti IGT
Schiava Römigberg 2018

16 Punkte | 2020 bis 2025

Im Glas leicht trüb, unfiltriert. Die Nase zeigt Rhabarber, Sauerkirsche. Im Mund überaus schlank und saftig. Deutliche Phenolik, mehr Mundgefühl als Aroma. Erinnert an Natural Wine – ist nur technisch viel besser gemacht.

www.aloislageder.eu

Weingut Manincor
Lago di Caldaro DOC Vigna
Der Keil 2019

16.5 Punkte | 2020 bis 2025

Brillantes Purpurrot. Markante Kräuterwürze, Rosmarin, Thymian, leicht ätherisch. Im Mund Sauerkirsche, herbfruchtig, dazu Mandel. Sehr ausbalanciert und ausgewogen, strahlt Ruhe aus. Kann trefflich reifen, zeigt seine Klasse nachdrücklich bei Tisch.

www.manincor.com

Weine Hartmann Donà
Vernatsch Granit 2018

16 Punkte | 2020 bis 2024

Klares Purpurrot. In der Nase würzig, mit Bergkräutern, Schwarztee, Hustenbonbon. Im Mund mit viel ätherischer Frische, mineralische Würze, Kirsche nur im Hintergrund. Kühl, deutliches Tannin. Ungewöhnlich lang, hinterlässt bleibenden Eindruck.

www.hartmanndona.it

Kellerei Nals Magreid
Galea Vernatsch 2018

16 Punkte | 2020 bis 2025

Im Glas zeigen sich klares Rot und violette Reflexe. Im Duft Blüten, Lakritz, Gummi arabicum. Am Gaumen zupackend, Kirschfrucht und Gerbstoff in guter Balance. Leichte Salzigkeit am Zahnfleisch, hat viel Grip und Länge.

www.kellerei.it

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