Melange aus Würze und Frucht & gut abgesteckte Claims

Guide: Cabernet Franc aus aller Welt

Degustation: Thomas Vaterlaus, Miguel Zamorano, Text: Miguel Zamorano

Vor dem Zeitalter der Leichtigkeit, der reinen Frucht, der ausbalancierten Konzentration und der tänzerischen Strukturen, also lange vor dem heutigen Zeitgeist, da war bereits die Hoffnung in die Welt gesetzt, dass Cabernet Franc doch irgendwann mal zur Geltung kommen müsse – als Gegenpart von Weinen mit hohem Holzeinsatz und noch höherem Alkoholgehalt. Endlich herausgetreten aus dem Schatten des viel bekannteren Cabernet Sauvignon, verführerischer mit seinem leichteren Tanningerüst und seiner verspielten Frucht. So steht es sinngemäss geschrieben, in Jancis Robinsons Oxford-Weinlexikon, 3. Ausgabe, Jahr 2007.

Nach dieser Verkostung mit gut 80 Weinen kann man behaupten: Nicht alle Erzeuger sind gewillt, dem heutigen Zeitgeist die passenden Weine einzuschenken. Besonders die toskanischen Erzeuger haben in dieser Verkostung eine Cabernet-Franc-Stilistik präsentiert, die mit solch einer Wucht ins Glas floss, dass man immer wieder nach Luft schnappen musste.

Dankbar muss man den Italienern dafür sein. So bleiben die Claims im CabernetFranc-Land gut abgesteckt. Während sich die Maremma-Winzer in dieser kraftvollen Schule behaupten, fallen die Cabernet Franc aus Deutschland und der Schweiz mit ausbalancierten und sehr gut strukturierten Weinen auf. Die Südafrikaner hingegen zeigen in ihren Weinen eine zierliche Kräuterwürzigkeit, die man so nicht aus der Neuen Welt vermuten würde. Somit tritt in dieser Verkostung die vielleicht bisher wenig bekannte Mannigfaltigkeit des Cabernet Franc zum Vorschein, die etwas Erstaunliches hat. Bis hin zum seriösen Rosé, der viele Weinfreaks begeistern wird, beweist die Sorte, dass ihr – sonst vorwiegend als Verschnittpartnerin bekannt – auch das Solostück voll gelingt.

Resultate, Analysen, Statements

Cabernet Franc? Ja sicher, wir kennen ihn als idealen Partner des Merlot in der BordeauxSubregion Saint-Émilion. Und natürlich von der Loire als Garant für temperamentvolle Trinkweine. Und sonst? Sonst war er für mich sowas wie der immerwährende Geheimtipp.

«Der ewige Geheimtipp ist für mich heute ein Garant für trinkige Weine in faszinierenden Schattierungen.»

Thomas Vaterlaus VINUM-Chefredakteur

Über die Jahrzehnte traf ich ab und zu mal einen Franc, der fast einen bleibenden Eindruck hinterliess, einen aus Spanien, aus Kalifornien oder speziell aus dem ungarischen Villány, aber irgendwie vergass ich sie doch wieder. Aber seit rund einem Jahr ist die Sorte definitiv bei mir angekommen. Der Auslöser war ein Besuch des Festivals «Franc & Franc» in der ungarischen Cabernet-Franc-Metropole Villány im Herbst 2019. Da hatte man Cabernet Franc aus verschiedensten Ländern nebeneinander im Glas, und die schmeckten tatsächlich auch unterschiedlich. Neben den üppigen Vertretern aus der Neuen Welt wirkten etwa die Villány-Weine geradezu trinkig, tendierten aber doch mehr zu Bordeaux als zur Loire. Die VINUM-Verkostung festigt nun den Eindruck, dass der Cabernet Franc fern der französischen Heimat zunehmend Faszinierendes in die Flaschen bringt. Generell konnte ich an dieser Verkostung drei Stilistiken ausmachen. Im deutschsprachigen Raum bringt die Sorte, die hier offensichtlich von der Klimaerwärmung profitiert, herrlich kernige Weine mit Substanz hervor. Die italienischen Crus stehen für vollreife, maskuline Power, und besonders viel Freude machten mir die Südafrikaner mit ihrem reifen, weichen, würzigen Charme. Und die Villány-Crus? Sie vereinen das Beste aller Stilistiken. Keine Frage: Wer Cabernet Franc wählt, hat heute eine sehr hohe Chance, positiv überrascht zu werden.

Woher kommt der beste Cabernet Franc? Diese Verkostung kann die Frage nicht endgültig beantworten, auch weil französische Vertreter nicht daran teilnahmen.

«Cabernet Franc von deutschen und Schweizer Erzeugern fasziniert und begeistert in nicht geahntem Masse.»

Miguel Zamorano, VINUM-Redakteur

Vielleicht lässt sich das Thema folgendermassen aufdröseln: Unter den zehn Top-Platzierten, also denjenigen mit 17.5 Punkten oder mehr, befinden sich 17 Weingüter. Fünf davon kommen aus Südafrika. Absolut betrachtet – also im Rahmen dieser Verkostung – stehen also die Weine aus diesem Land auf Platz 1. Relativ gesehen ergibt sich ein anderes Bild: Es wurden fünf ungarische Weine angestellt. Und gleich zwei davon haben wir mit 17.5 Punkten oder mehr bewertet. Die Ungarn sind demnach die (Überraschungs-?)Sieger. Überraschend war bei dieser Verkostung aber auch, dass Cabernet Franc in Deutschland und der Schweiz erstaunlich gut gelingt. So stechen die Württemberger mit ihren Weinen hervor, in der Schweiz findet man vor allem in der Romandie die Winzer, die sehr gute Crus auf die Flasche ziehen. In beiden Regionen halten die Winzer für fast alle Liebhaber entsprechende Weine parat: Kraftvoll, aber kernig und ausbalanciert ist etwa der Cabernet Franc des Weinkonvents Dürrenzimmern gelungen, dass Große Geweih von Christian Hirsch zaubert nach dem anfänglichen Grinsen ob des Namens ein wunderbares und zufriedenes Lächeln auf die Lippen. Und die Westschweizer Domaine des Afforêts brachte die Blindverkoster auf eine Fährte, die einen fälschlicherweise ins Libournais führt.

Das zu verkosten war spannend, lehrreich und faszinierend. Wir dürfen annehmen, dass die Erzeuger aus diesen Regionen in den kommenden Jahren uns noch mit vielen spannenden Cabernet Franc begeistern werden.

Die Verkostung

Es wurden Weine von Erzeugern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich angefragt. Die Schweizer WTC-Mitglieder hatten die Gelegenheit, ihre Cabernet Franc einzusenden. Aus Platzgründen waren französische Weine ausgeschlossen. Alle Weine wurden in Zürich blindverkostet. Die Degustation ist hier abrufbar, Stichwort: «Cabernet Franc aus aller Welt».

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