Große Versuchung

EU-Weinbranche in Not?

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 27. November 2019


FRANKREICH (Beaune) – Den Weinherbst in Europa überschatten die US-Strafzölle – die Winzer befürchten Einbußen bis hin zu Absagen von Bestellungen aus den Vereinigten Staaten. Betroffen sind etablierte Exporte der Erzeuger wie ebenso der Handel und die Konsumenten in den USA. „Wir haben alle Arten von Krisen erlebt, aber noch nie eine Steuerkrise“, sagte Louis-Fabrice Latour, Präsident des Bureau Interprofessionnel des Vins de Bourgogne (BIVB), während einer Pressekonferenz im Vorfeld der kommenden Auktion Hospices de Beaune. „Es betrifft alle europäischen Weinnationen gleichermaßen. Die Winzer sind besorgt. Vor ihnen liegen schwere Zeiten, sofern sie es gewohnt sind, einen Teil ihrer Produktion in die USA zu exportieren.“

Burgund beklagt Trump´sche Strafzölle

Erst im letzten Monat haben die USA Einfuhrzölle in Höhe von 25 Prozent für Stillweine ab 14 Prozent und weniger Volumenalkohol aus Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien deklariert. „Wir in Burgund befürchten einen Verlust unserer US-Aufträge, wenn die europäische und amerikanische Politik ihren Handelskrieg fortführen“, war der Tenor der Pressekonferenz. Die Weinexporte aus dem Burgund stiegen in den ersten acht Monaten dieses Jahres um knapp sieben Prozent im Volumen und über neun Prozent auf einen Wert von 650 Millionen Euro. „Das ist ein schöner Erfolg, aber wie lange können wir davon zehren“, fragt sich Latour. Dieser Rekordexport für die ersten acht Monate eines Kalenderjahres beinhaltete auch ein Mengenwachstum von sechs Prozent in den USA, dem größten Absatzmarkt für Weine aus dem Burgund. Zudem stiegen im gleichen Zeitraum die Exporte nach China um 40 Prozent.

Zum Feiern der Exportzuwächse war keiner der der Pressekonferenz anwesenden Vertreter aufgelegt. Auch die Vertreter der benachbarten Region Beaujolais machen sich Sorgen, obwohl die US-Aufträge für die aktuellen Beaujolais-Nouveau aufrechterhalten wurden, wie Charles Rambaud verlautete, der die Weinexporte nach Nordamerika für die Inter Beaujolais verantwortet. „Noch ist es zu früh, um über verlässliche Zahlen zu reden, und schon gar nicht können wir zum jetzigen Zeitpunkt die zu erwartenden Auswirkungen beziffern. Wir bleiben vorerst geduldig und bewerten die Situation dann zum Jahreswechsel“, kommentiert Rambaud die Lage.

Politischen Eskapaden ausgeliefert

Analysten der Weinbranche haben die Handelsprobleme mit den USA längst heraufbeschworen. Heute sprechen sie sogar von einem möglichen Einbruch des Weinmarktes für exportverwöhnte Weinregionen. Abgesehen von der US-Politik verweisen sie auf den anstehenden Brexit und die politischen Unruhen in Hongkong. „Andere Märkte können die bevorstehende Flaute nicht auffangen“, kommentiert Thiébault Huber, Präsident des Verbandes der burgundischen Appellationen, die Lage. „Mit ihrer Zollpolitik werden die USA den Weinmarkt verändern. Daran werden auch treue US-Weinimporteure nichts ändern. Sie können die steigenden Preise in keiner Weise kompensieren“, konstatiert Huber.

Europas Weinindustrie befürchtet, dass nach dem vorgesehenen Zeitraum von vier Monaten, der Zolltarif seitens der USA verlängert wird oder womöglich sogar verschärft wird. „Mag sein, dass der US-Präsident erst einmal Druck ausüben möchte. Aber wenn wir den Handel in den USA verlieren, wird es sehr schwer erneut Fuß zu fassen. Im Moment sehe ich kein Zeichen für ein schnelles Beenden der überzogenen Zolltarife“, sagt Latour.

Die USA haben auf Hunderte von EU-Erzeugnissen ein Steuerpaket von rund 6,8 Milliarden beschlossen, weil in  schon länger währenden Streitigkeiten über Subventionen in der Luft- und Raumfahrt mit der EU keine Einigkeit herbeigeführt werden konnte. Unter dem Titel: „Europas Zollkrise mit Wein und Co.“ habe ich darüber berichtet.

Während die USA und die EU verlauten, auf politischem Weg ein gegenseitig verträgliches Abkommen aushandeln zu wollen, hat die WHO die Zölle genehmigt und die Europäer haben eine Gegensteuer beantragt. In diesem Szenario werden offensichtlich alle Register gezogen. Auch die Produzenten haben darüber nachgedacht, ihre Weine in großen Gemengen zu exportieren und in den USA abfüllen zu lassen. Auf diesem Weg würden die Zölle nicht greifen. „Technisch würde dies funktionieren, aber es wäre eine Beeinträchtigung der Ethik“, kommentiert Huber diese Idee. „Wer kann sich vorstellen, einen Premier Cru oder Grand Cru des Burgund statt in den Domains in leer stehenden Fabrikhallen in den USA abzufüllen. Ich hoffe, dass dieser Versuchung nicht nachgegeben wird.“

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