Strafzölle

Europas Zollkrise mit Wein und Co

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 1. November 2019


DEUTSCHLAND (Mainz) – Seit diesem Herbst ist nichts mehr, wie es war. Trotz Verhandlungen hinter verschlossenen Türen haben die USA Strafzölle auf EU-Importe verhängt. Was vorher niemand in Europa glauben wollte, wird jetzt einigen EU-Staaten bewusst und weicht der Hoffnung. Wein und Whisky, Käse und Oliven sowie ganze Flugzeuge: EU-Produkte im Wert von jährlich 7,5 Milliarden Dollar (6,8 Milliarden Euro) sind seit Anfang Oktober mit zusätzlichen Strafzöllen belegt, wenn sie in die USA exportiert werden. Insgesamt führen die Länder der EU laut Statistikbehörde Eurostat jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von 320 Milliarden Euro in die USA aus.

Weinbranche

Getränke, Lebensmittel und andere Importe sind seit Oktober mit einem Zusatzzoll in Höhe von 25 Prozent belegt. Betroffen sind Weine aus Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien, die weniger als 14 Prozent Alkoholgehalt haben und in Flaschen oder Kartons von weniger als zwei Litern abgefüllt sind. Schaumweine sind nicht betroffen. 

2018 exportierte Frankreich Wein für eine Milliarde Euro in die USA. Laut Branchenverband stieg der Absatz im ersten Halbjahr 2019 um zehn Prozent. Spanien führte 2018 Wein im Wert von 240 Millionen Euro in die USA aus, Deutschland im Wert von 180 Millionen Euro. Italienischer Wein ist von den Strafzöllen ausgenommen - das Land exportierte 2018 Weine im Wert von 1,5 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten.

Whiskybranche

Bei hochprozentigen Alkoholika trifft es dagegen auch Italien – dazu Großbritannien, Irland, Deutschland und Spanien. Frankreich, und damit französischer Cognac, bleibt verschont. Die Strafzölle dürften vor allem den Whisky-Destillerien in Schottland zu schaffen machen: Der Wert des in die USA exportierten Single Malt aus Schottland beträgt nach Branchenangaben mehr als 460 Millionen Dollar pro Jahr. Der britische Getränkekonzern Diageo versichert, er könne die Folgen "abfedern", die kleinen Destillerien aber wohl nicht.

Gegenzölle

Die Welthandelsorganisation (WTO) hatte die Strafzölle Anfang Oktober gebilligt. Sie erlaubte den USA, wegen unzulässiger Beihilfen für den Flugzeugbauer Airbus die Einfuhr europäischer Produkte in Höhe von umgerechnet rund 6,8 Milliarden Euro mit Sonderaufschlägen zu belegen. Die EU hoffte bis zuletzt, die Zölle noch abwenden zu können. Kurz nach Inkrafttreten kündigte Handelskommissarin Cecilia Malmström Strafzölle auf US-Produkte an: „Wir bedauern die Entscheidung der USA, aber dieser Schritt lässt uns keine Alternative.“ Gegenseitig Zölle zu erheben, sei in niemandes Interesse, betonte Malmström. Die Folgen hätten die Luftfahrtindustrie und viele weitere Branchen zu tragen, die bereits unter den Handelsstreitigkeiten litten.

Deutschland

Auch deutsche Winzer trifft es hart. Gerade aber nicht  nur in den Steillagen entlang der Mosel sind die Kosten hoch und eine ganze Reihe von Erzeugern sind auf die Exporte ihrer Weine in die USA abhängig. „Wir erwarten spürbaren Schaden für die Weinexporteure, denn die USA sind das wichtigste Weinexportland für die deutschen Winzer“, kommentierte Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI) die Einführung der Strafzölle. Diesem Tenor schloss sich auch der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) an. Deren Präsident Steffen Christmann beklagte die Austragung „einer fehlgesteuerten Industriepolitik auf dem Rücken der Weinerzeuger“.

Nun stehen die Kontrahenten noch am Anfang der Zollkrise. Am stärksten werden sich die Strafzölle im „knallharten Wettbewerb in den Weinregalen des Einzelhandels“ auswirken, berichten US-Weinimporteure. Bei erwarteten Aufschlägen von durchschnittlich vier Dollar pro Flasche werden US-Konsumenten zu anderen Weinen greifen, sagen Analysten des US-Weinmarktes. Seit Bekanntgabe der Strafzölle laufen die Gespräche zwischen Erzeugern und Importeuren heiß. Wer welche Kostenanteile übernimmt, steht seither im Mittelpunkt der Verhandlungen.

Von Konfrontation auf Dialog

Nicht nur das Triumvirat der Verantwortlichen in Berlin, Paris und Brüssel stehen unter dem Druck des Handelsstreits. Vielmehr kann der US-Präsident nicht schalten und walten, wie es ihm beliebt, wenn er einen Konjunktureinbruch in den USA vermeiden und seine Chancen auf eine Wiederwahl im kommenden Jahr erhöhen möchte. In weiser Voraussicht hatte Larry Kudlow, der oberste Wirtschaftsberater des Präsidenten im späten Oktober mehrere erfahrende Ökonomen zu einem Gespräch ins Weiße Haus geladen. Ziel der Initiative war, Donald Trump vor Augen zu führen, welche unabweichbaren Folgen eine weitere Eskalation des Handelsstreits mit den Chinesen und mit den Europäern haben könnte. Mit China ist die US-Regierung mittlerweile in einen hoffnungsvollen Dialog getreten.

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