VINUM-Profipanel von Cabernet Franc aus aller Welt - ausser Frankreich

Von Profis verkostet: Cabernet Franc weltweit

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Pollari

Erst Mitläufer, dann Geheimtipp, jetzt Hauptdarsteller: Der Cabernet Franc ist gegenwärtig der Aufsteiger unter den Bordeaux-Sorten. Und überzeugt auch immer mehr fern seiner französischen Heimat – von Argentinien über Südafrika bis nach Italien. Selbst in Deutschland und der Schweiz ist er zum Garanten für Topweine geworden. In unserem Panel überzeugte der Cabernet Franc mit seiner verblüffenden stilistischen Vielfalt, wobei die Sorte doch zumeist erkennbar blieb. Die deutlich höchste Bewertung erzielte übrigens der Favorit dieser Probe: der Lodovico 2016 von Lodovico Antinori.

Favoriten-Siege sind an den VINUM-Profipanels alles andere als selbstverständlich. Viel häufiger kommt es in diesen Blindproben vor, dass ein Newcomer den prestigeträchtigen Ikonenweinen ein Schnippchen schlägt. Nicht so in diesem Panel, bei dem Cabernet-Franc-Spezialitäten fern der französischen Heimat dieser Sorte verkostet worden sind. Mit einem bemerkenswert grossen Vorsprung landete der Lodovico 2016 der Tenuta di Biserno, den Lodovico Antinori mit Unterstützung seines Bruders Piero Antinori produziert, auf dem ersten Platz. Das Resultat hat Symbolcharakter. Schliesslich war es derselbe Lodovico Antinori, der in der Provinz Livorno, genauer gesagt in Bolgheri, ab den 80er Jahren der Sorte Merlot mit Ikonenweinen wie dem Ornellaia und dem Masseto zum Kultstatus in Italien verhalf. Als das von ihm initiierte Merlot-Fieber so richtig losbrach, verkaufte Lodovico Antinori im Jahr 2001 die damalige Tenuta dell’Ornellaia (heute Ornellaia e Masseto) an Mondavi und die Familie Frescobaldi, die Letzteren sind heute alleinige Besitzer dieses Projektes. Schon kurz nach dem Verkauf startete Lodovico Antinori sein Nachfolgeprojekt mit der Tenuta di Biserno. Das Rebgut, das unweit von Ornellaia in Richtung Bibbona liegt, hatte er einige Jahre zuvor entdeckt, als er nach neuen Parzellen für Ornellaia suchte. Die Rebgärten der Tenuta Biserno liegen etwas höher, und das Land ist hier schon hügeliger, zudem weisen die Böden aus kalkhaltigem Ton einen hohen Kiesanteil auf. Lodovico Antinori und sein Team entschlossen sich deshalb, den Fokus hier nicht auf Merlot zu legen, sondern eben auf Cabernet Franc.

Italien gibt den Ton an

Rückblickend betrachtet, war es wohl ein Gebot der Stunde. Durch die Klimaerwärmung ergibt der Merlot in seinen angestammten Terroirs in heissen Jahren anstelle der einst geschmeidigen immer öfters überaus üppig warm anmutende Weine. Der Cabernet Franc, nicht so weich wie der Merlot, aber auch nicht so kantig wie der Cabernet Sauvignon, ist da in geeigneten Lagen mit seinem eigenständig ansprechenden Duft und seiner temperamentvollen Frische eine hochinteressante Alternative. Dass sie extrem wandelbar ist, beweist die Sorte in ihrer französischen Heimat schon seit eh und je. Bringt sie am Loire-Fluss, ganz besonders in Subregionen wie Chinon, Bourgueil oder Saumur-Champigny, noch immer temperamentvolle «Funky»-Weine mit einem unnachahmlichen Duft nach Himbeeren und Erdbeeren, aber auch ledrig-kräuterwürzig-pfeffrigen Noten hervor, so prägt die Sorte in Bordeaux, genauer gesagt in Saint-Émilion einige der prestigeträchtigsten Weine mit grossem Reifepotenzial. So beträgt der Cabernet-Franc-Anteil in legendären Weinen wie Château Cheval Blanc oder Château Ausone in gewissen Jahrgängen bis zu 60 Prozent. Und oft sind es gerade die hochbewerteten Jahrgänge wie 2010, die vom Cabernet Franc geprägt werden.

Die Weine, welche am VINUM-Profipanel verkostet worden sind, orientieren sich mehrheitlich an der vielschichtig-eleganten Bordeaux-Stilistik, allerdings ohne zu mastig und zu üppig zu wirken. Und einigen Crus, wie etwa dem Credi Cabernet Franc 2018 von Valentina Wine Collection aus dem Tessin oder dem Warwick Estate Cabernet Franc 2018 aus Stellenbosch, gelingt es sogar, die Bordeaux-Stilistik mit der Loire-Charakteristik zu verbinden. Ermittelt man die Durchschnittswerte der Weine nach jenen Ländern, die mit mehr als fünf Weinen in dieser Verkostung vertreten waren, klassiert sich Italien mit einem Durchschnittswert von 17.75 Punkten klar an erster Stelle, gefolgt von Südafrika mit 17.4 Punkten und Argentinien mit 16.9 Punkten. Die zwei ungarischen Vertreter wurden beide mit 18 Punkten bewertet. Und die Schweiz erreichte mit vier Weinen ebenfalls einen hohen Durchschnittswert von 17.5 Punkten. Es zeigte sich aber auch, dass der Cabernet Franc eine anspruchsvolle Sorte ist, die keine Fehler verzeiht. Die optimale Reife zu erreichen, scheint demgegenüber kaum mehr Probleme zu bereiten. Auch die Gewächse aus der Schweiz sowie der deutsche «Franc» von Matthias Gaul aus der Pfalz konnten in Bezug auf Fülle und Struktur durchaus mit den weiter im Süden gewachsenen Crus mithalten.

Für «Funk» – auch in heissen Jahren

«Was dieses Panel so unterhaltsam machte, war die Tatsache, dass fast jeder Wein eine eigenständige Charakteristik offenbart hat, aber über alles betrachtet doch immer die Sorte erkennbar geblieben ist. Das lässt diese Sorte etwa im Vergleich zum Merlot, der weitaus einheitlichere Weine hervorbringt, so spannend und vielfältig erscheinen», meinte etwa VINUM-Verkoster Hans Babits am Ende der Probe. Diese sensorische Vielfalt zeigt sich schon in den Aromaschattierungen, die von Erdbeeren über Himbeeren bis zu Schwarzen Johannisbeeren reichen. Dazu kommen ausgeprägt kräuterwürzige (Pfeffer, Nelkenblätter, Minze, Tabak, Irisch Moos, Garrigue-Kräuter) und mineralische Nuancen (Graphit, nasse Steine, Salz etc.). Und im Gaumen zeigen die «Francs», selbst wenn sie über viel Körper und Stoff verfügen, stets eine temperamentvolle Beschwingtheit und Frische im Abgang. So gesehen ist der Cabernet Franc die Sorte der Stunde, sowohl für Weinliebhaber, die nach charaktervoll animierenden Alternativen zum Mainstream suchen, als auch für Winzer, die auch in heissen Jahren ein bisschen «Funk» in die Flasche bringen möchten. Es lohnt sich also, diese Sorte im Auge zu behalten.

Die Top-Ten-Weine der Verkostung

RangBeschreibung
1
18,5/ 20
Punkte
Toskana – L'Altra Toscana, Toskana, Italien
Tenuta di Biserno
2
18,0/ 20
Punkte
Villány, Südwest-Ungarn, Ungarn
Heumann
3
18,0/ 20
Punkte
Latium, Italien
San Giovenale Agricola
4
18,0/ 20
Punkte
Pfalz, Deutschland
Weingut Matthias Gaul
5
18,0/ 20
Punkte
Mendoza, Cuyo, Argentinien
Bodega Matias Riccitelli
6
18,0/ 20
Punkte
Emilia-Romagna, Italien
Azienda Agricola San Valentino
7
18,0/ 20
Punkte
Tessin, Ticino, Tessin, Ticino, Schweiz
Tamborini Carlo SA
8
18,0/ 20
Punkte
Villány, Südwest-Ungarn, Ungarn
A. Gere
9
18,0/ 20
Punkte
Stellenbosch, Western Cape-Coastal Region, Südafrika
Warwick Wine Estate
10
17,5/ 20
Punkte
Mendoza, Cuyo, Argentinien
Bodegas Salentein

Was die Verkoster sagen

«Eine interessante Probe mit höchst unterschiedlichen Weinen. Der Cabernet Franc ist eine kapriziöse Sorte, aber wenn alles stimmt, entstehen vielversprechende Weine mit viel individuellem Charakter. Die optimale Reife der Traube ist ein Schlüsselfaktor. Aber auch der Eichenholzausbau spielt eine wichtige Rolle. Im besten Falle entstehen so animierende Gewächse, die eine gewisse Zartgliedrigkeit mit Rasse vereinen.»

Rodrigo Banto Kellermeister, Tolochenaz

«Diese Verkostung hat meinen Eindruck bestätigt, dass der Cabernet Franc eine sehr zeitgemässe Sorte ist, denn er steht für trinkige Eleganz. Nur sehr wenige Weine waren von unreifen Noten geprägt. Für mich haben diese Gewächse einen hohen Unterhaltungswert, es sind interessante Gesellschafter. Etwas schwarzer Pfeffer schwingt fast immer mit. Ich denke auch, dass diese Weine mit viel Bedacht und Können gemacht worden sind.»

Lidwina Weh Sommelière, Wohlen

«Das war für mich eine der spannendsten Weinproben in der letzten Zeit. Die Weine zeigen sowohl Frische und Eleganz als auch Fülle und Kraft. Das ist faszinierend. Die Klasse der besten Weine beruht auf ihrer Würze sowie der lebendigen Säure im Zusammenspiel mit ihrem griffigen Gerbstoff. Die Crus aus der Toskana überzeugten besonders. Aber auch Deutschland und die Schweiz überraschten positiv.»

Hans Babits Académie du Vin, Zürich

«Sehr positiv war, dass in dieser Probe fast keine überextrahierten, mastigen Weine zu finden waren. Die gut strukturierte, trinkige Schlankheit vieler Weine steht für ein modern geprägtes Cabernet-Franc-Winemaking. Einige wenige unreif wirkende Ausreisser erschienen fast als Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Auf der anderen Seite standen Weine von allerhöchstem Niveau, in einzelnen Fällen sogar absoluter Weltklasse.»

Alain Kunz Journalist, Zürich

«Die stilistische Vielfalt der Weine war erstaunlich und eine grosse Herausforderung für die Verkoster. Diese Gegensätze beruhen wohl zu einem grossen Teil auf der unterschiedlichen Herkunft. Zeigten die Cool-Climate-Gewächse viel frische Würzigkeit, so waren die Hot-Climate-Weine von warmem Charme und weicher Fülle geprägt. Beide. Klimata bringen heute überzeugende Cabernet-Franc-Weine hervor.»

Arthur Nägele Berater und Trainer für Spirituosen und Wein, Rheineck

Die Jury

Von links nach rechts

Hans Babits Académie du Vin, Zürich
Sein Favorit: Cabernet Franc Réserve 2018, Matthias Gaul, Pfalz (D)

Alain Kunz Journalist, Zürich
Sein Favorit: Habemus 2016, San Giovenale Agr., Lazio (IT)

Lidwina Weh Sommelière, Wohlen
Ihr Favorit: Trinitás Cabernet Franc 2016, Weingut Heumann,Villány (HU)

Rodrigo Banto Kellermeister, Tolochenaz
Sein Favorit: Luna Nuova Cabernet Franc 2017, San Valentino Az. Agr., Colli di Rimini (IT)

Timothy Magnus Weinhändler, Zürich
Sein Favorit: Campo di Magnacosta 2018, Tenuta di Trinoro, Vini Franchetti, Toskana (IT)

Arthur Nägele Trainer für Spirituosen und Wein, Rheineck
Sein Favorit: Lodovico 2016 von Tenuta di Biserno (Lodovico Antinori), Toskana (IT)

Thomas Vaterlaus Chefredaktor VINUM, Zürich
Sein Favorit: Lodovico 2016 von Tenuta di Biserno (Lodovico Antinori), Toskana (IT)

Miguel Zamorano Redaktion VINUM, Zürich
Sein Favorit: Ampeleia 2016, Soc. Arg. Ampeleia, Toskana (IT)

Harald Scholl Stv. Chefredaktor VINUM Deutschland, München
Sein Favorit: Cabernet Franc Réserve 2018, Matthias Gaul, Pfalz (D)

Nicole Harreisser Redaktion VINUM, Zürich
Ihr Favorit: Credi Cabernet Franc 2018 von Valentina Wine Collection (Tamborini), Tessin (CH)

Fabio Mastroianni Weinhändler, St. Gallen
Sein Favorit: De Trafford Cabernet Franc 2017, De Trafford, Stellenbosch (ZA)

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