Guide Trentin: Enorme Vielfalt zwischen Dolomiten und Gardasee

Alles, was das Herz begehrt

Degustation: Ursula Geiger, Miguel Zamorano, Text: Ursula Geiger, Fotos: VINUM

Das Trentin ist für Weintrinker eine wahre Schatzkiste. Für jeden ist etwas dabei: anspruchsvolle, in der Flasche vergorene Schaumweine, saftige oder zart-blumige Weissweine, fruchtbetonte, unkomplizierte hellrote Weine und kräftige, eigenständige Rotweine mit beträchtlichem Potenzial für die Reife auf der Flasche. Ja, selbst Dessertwein-Freunde kommen auf ihre Kosten. Dennoch liegt das Trentin in der internationalen Wahrnehmung im Dornröschenschlaf. Im Sandwich zwischen den Dolomiten und dem Gardasee wird es gerne übersehen – oder besser: schnell durchfahren. Wer auf der Nord-Süd-Achse unterwegs ist, den zieht es an den See, und wer von dort kommt, fragt sich oft nur, ob der Verkehr über den Brenner rollt oder stockt. Was für eine vertane Chance, denn das Trentin ist als Weinregion unbedingt eine Entdeckung wert. Immerhin ist das Gebiet eine der ältesten Weinregionen Italiens, was 3000 Jahre alte archäologische Funde belegen. Das Klima ist geprägt vom Gardasee und ein wenig milder als jenes in Südtirol. Eine Augenweide sind die Weingärten in den Gemeinden Mezzocorona und Mezzolombardo. Hier in der Ebene, am Zusammenfluss der Flüsse Etsch und Noce, wächst auf den kieshaltigen, gut drainierten und kalkreichen Böden Teroldego, die eindrückliche autochthone rote Traube der Region. Nicht nur in der fruchtbaren Ebene stehen die Pergelanlagen. Bis auf eine Höhe von tausend Metern erklimmen in den Seitentälern Reben die steilen Hänge. Besonders die Höhenlagen des etwas kühleren Valle di Cembra eignen sich für den Anbau weisser Sorten wie Müller-Thurgau, Nosiola oder Chardonnay. Letzterer ist der Grundstoff für die eleganten Schaumweine der Region. Wer auf der Flasche vergorene Spumanti mit viel Eleganz, Finesse und zarten, hefigen Noten liebt, orientiert sich an der Herkunftsbezeichnung Trento DOC.

Resultate, Analysen, Statements

von Miguel Zamorano VINUM-Redakteur

«Die Trentino-Winzer tragen noch Müller-Thurgau stolz auf dem Etikett. Richtig so – der Wein ist spannend.»

Miguel Zamorano VINUM-Redakteur

Das Thema Naturwein hat in den vergangenen Jahren wahre Leidenschaften hervorgerufen. Nicht immer positive, aber so ist das nun mal in der Weinwelt und auch in anderen Bereichen der Gesellschaft – jede Bewegung gründet mit ihren Manifesten fast nebenbei und ungewollt ihre Gegenbewegung. Dabei zeigt die Zeit, dass nicht alles so heiss gegessen (oder getrunken) wird, wie es aufgetischt wird. Wenn was bei dieser Verkostung wieder bestätigt wurde, dann: dass Naturwein auch positiv überrascht. Ich schreibe das alles, weil ein Wein in dieser Verkostung vor einigen Jahren in einem VINUM Naturwein-Dossier vorkam. Jetzt tauchte der gleiche Wein wieder auf – ohne jedoch die Insignien der Vin-Naturel-Anhängerschaft auf der Stirn bzw. am Flaschenhals offen zur Schau zu tragen. Macht sich da einer mit dem verhassten Mainstream gemein? Oder ist der Mainstream auf dem Weg zu mehr Naturwein? Es handelt sich im Übrigen um den Fontanasanta von Azienda Agricola Foradori. In unserer Online-Verkostungsdatenbank findet man mehr über den Vorgängerjahrgang heraus.

Ausserdem hat mich bei dieser Trentino-Verkostung – neben dem lokalen Nosiola oder Teroldego – auch Müller-Thurgau positiv überrascht. Jene Rebsorte also, die man einst zum Massenträger verhunzt hatte und die heute von vielen lieber Rivaner genannt wird. Wo bitte schön bleibt da die Gegenbewegung? Die italienischen Weingüter dieser Verkostung haben diesen schäbigen Marketingtrick nicht mitgemacht – stolz steht überall Müller-Thurgau auf der Flasche. Und drin schlummert der flüssige Beweis, dass diese Rebsorte durchaus zu spannenden Aromen-Erlebnissen fähig ist.

Resultate, Analysen, Statements

von Ursula Geiger VINUM-Autorin

«Wer auf der Suche nach authentischen, unverbogenen Weinen ist, findet diese im Trentin.»

Ursula Geiger VINUM-Autorin

Es ist, als ob die Göttin Gaia ihr Füllhorn in die Gläser giesst. Die Vielfalt an Weinen aus dem Trentin ist betörend, und jedes Mal wundere ich mich darüber, weshalb dieser Region nicht die Beachtung geschenkt wird, die sie verdient. Wer auf der Suche nach Authentischem im Glas ist, wird hier fündig und kann damit selbst die verwöhntesten Weingaumen überraschen. Die um sich greifende Gleichmacherei des globalisierten Weingeschmacks ist am Trentin glücklicherweise vorübergegangen. Die Weine aus dem Trentin sind nichts für Etikettentrinker, und ich gebe zu, dass man sie sich erarbeiten muss. Teroldego zum Beispiel. Das Musterbeispiel der autochthonen Sorten des Trentin ist kein Charmeur, sondern ein kühler, aristokratischer Wein mit kräftiger Tanninstruktur und viel Säure. Damit sich nach der Reife auf der Flasche alles zusammenfügt, muss das Tannin perfekt sein. Und sind die Weine zu konzentriert, dominieren ätherische und balsamische Noten die würzige Frucht. Weniger kompliziert und charmanter sind hingegen die Weine aus der Sorte Marzemino.

Der Rote mit dem zarten Blütenduft passt zu Fischgerichten ebenso wie zu Brot und Käse. Wenig bekannt sind die Weissweine aus der Sorte Nosiola, deren Geschmacksspektrum von zart-fruchtig bis würzig-kräftig reicht. In Spätlesequalität erntet die Cantina Monfort in Lavis ihre Nosiola-Trauben für den Corylus und legt den Wein für elf Monate in Barriques. Die Röstnoten passen herrlich zur reifen, gelbfleischigen Frucht. Anders der Nosiola von Pojer e Sandri, der sich am Gaumen fast karg gibt, mit viel Mineralität und einer vibrierenden Säure, die Lust auf den nächsten Schluck macht. Geradezu ideal für einen lauen Sommerabend.

Die Verkostung

Die Probenweine forderten wir mithilfe des Consorzio Vini del Trentino direkt bei den Produzenten an. Gefragt waren Weiss- und Rotweine aus autochthonen Sorten sowie die Schaumweinspezialitäten von Trento DOC. Ergänzt haben wir sie mit Weinen aus dem Handel.

Alle Resultate der Verkostung finden Sie auch in unserer Weinsuche. Bitte geben Sie in das Suchfeld Degustation «Guide: Trentino» ein.

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